Mutter Erde in Sorge: Zum neuen Bauernlegen

Es ist schön, wenn auf der Grünen Woche der Agrarwandel in Richtung einer klimaverträglichen Landwirtschaft diskutiert wird. Aber wird das reichen, wenn nur ein guter Willen gezeigt wird, der erfahrungsgemäß von der Agrarlobby und dendahinter steckenden Finanzgiganten gleich wieder kassiert wird?

Wir brauchen eine Politik, die dem Klimawandel auf allen Ebenden entschieden entgegenarbeitet, um nicht weiteres Flüchtlingselend zu provozieren. Denn der Klimawandel trifft die Kleinbauern etwa Ostafrikas bis ins Mark. Weniger Regen, öfter Überschwemmungen, Bodenerosionen und jetzt auch noch eine Heuschreckenplage. Die kenianische Gemeindelehrerin Leonida Odongo versteht sich als Aktivistin für Ernährungsgerechtigkeit. Sie erarbeitet mit den Dorf-Bäuerinnen in kleinen Zirkeln Möglichkeiten eines mehr widerständigen Waldgartenbaus. Fruchtbäume, Schatten, und eine geldlose Düngerwirtschaft. Denn die Folgen des heute auch in Kenia modernen Einsatzes von Agrarchemie sind zusammenbrechende Mikroklimata.  Sie überlegen wie ohne Geld und Gift ausgelaugte Böden wieder ertragsfähig gemacht werden können. Die älteren Bauern wissen noch, mit welchen Kräutern man kaputte Böden aufpäppeln kann. Am Schluss eines solchen Lehrgangs lässt Leonida Odongo die Teilnehmerinnen ein kleines Theaterstück spielen. Die Akteure agieren als Bienen, Vögel, Schmetterlinge oder Regenwürmer und spielen so die verschiedenen in der Landwirtschaft zusammen wirkenden Komponenten. Reflektieren und berichten von ihren Erfahrungen in den letzten Jahren. Zum Schluss gibt es eine Art Gericht, dessen Vorsitz „Mutter Erde“ hat. Die verurteilt den kurzsichtigen Einsatz von Agrarchemie. Das würde  nur wenigen, zumeist den größeren Betrieben und auch nur kurzfristig nützen, während die Kleinbauern Fehlernten nach dem Einsatz teurer Hightec-Saat und Chemie nicht überleben können. (1) Dazu kommt: auch in Afrika nehmen dort bislang relativ unbekannte Krankheiten wie Krebs rasant zu, zumal die globalen Chemieriesen die Gifte, die sie in Europa nicht mehr verkaufen dürfen, im globalen Süden sozusagen verklappen. Und in Afrika ist kaum einer wirklich krankenversichert, eine größere Krebs-OP kostet beispielswiese in Nakuru um die 2000,- Euro, die keiner der Bauerinnen hat.

Die Covid-19-Maßnahmen verschärfen die Krise unter den Klein-Bäuerinnen. Infolge der Panik und der Ausgangssperren infolge der Covid-Krise verloren viele ihre kleinen Verkaufsmöglichkeiten. Andere Dörfler verloren die regelmäßige Unterstützung, weil ihre Kinder in den Städten ihre Jobs verloren hatten. Die armen Stadtbewohner in den großen Spontansiedlungen Nairobis hungerten, weil sie weder raus durften noch ihren kleinen Geschäften nachgehen konnten. Die Covid-Maßnahmen vergrößern die Not aller prekär Beschäftigten und das sind außer den Bauern fast alle. Nun war bisher in Kenia für viele der Trost, der Traum und die letzte Versicherung auch für die städtische Jugend die „Shamba“, die Gartenlandwirtschaft der Großeltern im Dorf. Aber auch die Shambas wurden zwischenzeitlich auf Drängen von Regierung und weil es als „fortschrittlich“ galt, auf eine monokulturellen „Cash crop Landwirtschaft“ umgestellt, meistens Teeanbau. Diese Form der Landwirtschaft zerstört nicht nur die Böden und die Mikroklimata, sondern führt direkt in den Hunger, wenn man nicht verkaufen darf und wenn Corona-Diktate zu neuen Monopolen führen…

Wir müssen uns also fragen, ob sich die Corona-Maßnahmen nicht zu einem ungewollten neuen „Bauernlegen“ führen, also einer Enteignung der kleinen Bauern und anderen kleinen Selbständigen von ihrer Existenzweise und ihrem Land. Wir erinnern uns: um 1800 plagten Kontinental-Europa die aus dem Ruder gelaufene Feudalpolitik, Revolution und Folgekriege. Den Bauern ging es bereits vorher schlecht. Sie litten unter hohen Steuern und bekamen für ihre Erzeugnisse nicht genug, um diese Steuern zahlen zu können. Dazu kamen die Folgen der ungeregelten Übernutzung von Natur und Wäldern. Letztere waren fast abgeschlagen, der Regen blieb aus und das Land wurde unfruchtbar. Aufgeklärte Geister wie Graf Rumford oder Albert Thaer gründeten Feuerholzsparvereine, regten die Wiederbewaldung durch Aufforstung an und Bildungsmaßnahmen für angehende nun so genannte Landwirte. Sie empfahlen den Bauern etwa durch Mischkultur mit vermehrter Milchviehhaltung zunehmende städtische Märkte zu bedienen. Die preußischen Agrarreformen von 1806ff bedeuteten: die Allmenden wurden unter den größeren Bauern aufgeteilt, damit deren Betriebe rentabler würden. Das führte dazu, dass die Kleinbauern den freien Zugang zu den bisher als Allmenden genutzten Gemeindewäldern, Brachen und Ödländern verloren. Sie konnten ihre paar Ziegen und Schafe nicht mehr frei durch die Landschaft ihr Futter selbst suchen gehen lassen. Sie wurden zum hungernden Volk das die Landstraßen bevölkerten, bis man sie über die Einweisung in Arbeitshäuser zu Fabrikarbeitern umerzogen hatte… Passiert das jetzt dank Corona beschleunigt überall auf der Welt wie besonders in Afrika?

(1) „Agroecology has a female face“ in: Farming Matters, October 2020, 32-35; 32_35_FM0120_Interview.pdf