Klimabäume auch in Kleingärten?

Nach dem bundesdeutschen Kleingartengesetz sind sogenannte Wald- oder Straßenbäume in Kleingärten nicht erlaubt. Gepflanzt dürfen ausschließlich Obstbäume. Und von denen auch noch nicht einmal mehr alle. Die schönen alten Hochstamm-Apfelbäume sind in innerstädtischen Kleingarten-Kolonien kaum noch zu sehen. Die wie Tannen spitz in den Himmel wachsenenden Birnbäume – fast ausgestorben. Eben so wenig wie größere Nussbäume wie vor allem Walnussbaume in Laubenpieperkolonien nicht statthaft sind. All diese Bäume nehmen zu viel Raum ein und sie werfen zu viel Schatten. Der Schatten jedoch verhindert den Erfolg im Gemüsebeet. In meinem verschatteten Kräuterbeet blüht lustig eigentlich nur noch Oregano. Die Gründungs-Idee, dass Kleingärten vor allem der möglichen Selbstversorgung mit Gemüse, Beeren und Obst dienen sollen, sind in einem Schattengarten schwer umzusetzen. Und seitdem der Run auf die Gärten wächst und wächst und neuerdings immer mehr Städter gerne irgendwo zumindest mitbuddeln möchten, tendiert man seitens der „Gartenfreunde“ (wie sich die organisierten Kleingärtner heute nennen) dazu, die Kleingärten von ehedem 600 qm Fläche auf 400 oder gar 200 qm zu schrumpfen, umso mehr Interessierten beteiligen zu können. Deswegen auch keine Hochstamm-Obstbäume mehr, sondern Säulenbäumchen.

Auf der anderen Seite sind die innerstädtischen Kleingarten-Anlangen beliebte Ziele der Spaziergänger. Die Hunde-Muttis, die morgens und abends mit ihrem tierischen Freund ihre Runden drehen, die Kranken oder Älteren, die von ihren Ärztinnen tägliche Spaziergänge oder Walking Touren empfohlen bekommen haben: sie alle meiden in den heißen Großstadtsommern die offenen Parks. Sie streben in die Baum-bestandenen Randbereiche der Parks oder aber – falls das Schicksal ihnen sie erhielt – die Laubenkolonien nebendran. Dort findet sich die meiste Pflanzen-Vielfalt mit entsprechendem Vogelgezwitscher und Bienengebrumm in überbordender Blütenpracht. Die Wege haben oft ein menschliches Maß, sind angenehm schmal: Die Natur umpfängt den Menschen milde oder keck, wenn einmal manchmal  die Brombeeren einem frech den Hut vom Kopf kratzen. Trotzdem: Obstbäume, Rosenbüsche oder Haselnuss-Sträuchern fächeln einem eine angenehm grüne Kühlung.

Aus Sicht von uns Hitzestress-geplagten Großstädern könnte uns so manche Gartenkolonie gerne noch mehr Schatten bieten. Und es sind vor allem die Bäume, die die ersehnte Kühlung bieten. Zwischen einer von der Sonne aufgeheißten breiten Hauptstraße und einer Baum-bestanden Parkanlage kann bis zu acht Grad Differenz bestehen. 30 Grad Hitze oder 22 Grad, das macht etwas aus! Zumal heute, da wir verstanden haben, dass wir, um dem weiteren Klimawandel vorzubeugen, allesamt und jede(r)  alljährlich ein, zwei Bäume pflanzen sollten, die Kreuzberger Bio-Gärtnerei bietet für fünf Euro entsprechend Jungbäume an. Aber wo sollen wir die Bäumchen pflanzen? Bürgerengagement oder Guerilla Gardening wird von stumpfsinnig nach Vorschrift agierenden Park-Pflegefirmen mit unterbezahlten Angelernten selten geachtet, sondern meistens unter lautem Maschinengetöse brutal abrasiert. Offenbar fehlt hier das Mitdenken seitens der Behörden, die unsinnige Sparpolitik hat sogar die Parkpflge zum Geschäft degradiert.

Insofern darf man also jenen Gartenfreunden resp. ihren Vereinsvorständen, die es schaffen, auch mal ein Auge zuzudrücken und in ihrer Anlage zunehmend mehr Bäume zuzulassen, im Sinne der Allgemeinheit gratulieren. Lustigerweise gebührt dieses Lob heute vor allem den Bahnlandwirten (sic), die auf (oft: ehemaligen) Bahngelände graben. Ihre Verbands-Zeitschrift heißt traditionsbewusst „Der Eisenbahnlandwirt.“ Vor allem in Berlin sind manche Bahnlandwirtschafts-Kolonien anarchistisch wild hoch bewachsen, weil sie auf Reichsbahn-Gelände entstanden, was bis 1989 zur DDR gehörte, teilweise jedoch im Westen lag. Daher wurde hier kaum kontrolliert, ob das Kleingartengesetz eingehalten wurde. Und so können sich die Schrebergärtner der Bahnlandwirtschaft heute damit brüsten, hinsichtlich der den Klimawandel bekämpfenden Baumbestände die Vorreiter zu sein. Wenn sie es nun auch noch schaffen, uns zu zeigen, wie man auch in Schattengärten erfolgreich Gemüse ziehen kann, wären sie die wahren Klimapioniere. Agroforestry ist das Gebot der Stunde. Und das gilt nicht nur für Afrika, sondern ebenfalls für uns. Waldgartenwirtschaften gegen den Klimawandel! Unmöglich ist es nicht, auf meinem Nordbalkon gedieh schon Diveres wie etwa Salat, Mangold, Zucchini, Tomaten oder Kräuter.