„All you can eat” oder Aroma

„All you can eat – for 10 Dollar only“! Das Programm eines ländlichen Wirtshauses im Blockhüttenstil. Mein Gastgeber, ein Professor der Ernährungswissenschaften, war stolz, mir eine solche Innovation zeigen zu können. Es war Anfang der 1990er Jahre und tatsächlich hatte ich Derartiges noch nie gesehen. Angesichts seiner naiven Freude traute ich mich nicht mein Befremden auszudrücken. Ich bestaunte die Mengen, die die Leute sich auf den Nachbartischen auf die Teller gehäuft hatten. Und die ungezügelte Lust am Speisen. Auch die meines Gastgebers, dem seine bereits beträchtliche Leibesfülle offenbar keine Kopfschmerzen bereiteten. Hatte er noch nie etwas von Diabetes gehört? Oder ging es ihn wirklich nur darum, dass seine Studierenden es guthaben sollten, wozu auch preiswerte Mahlzeiten gehören? Er war gerade derjenige Prof. unter seinen Kollegen, der sich in diesem Studienjahr um das soziale Wohl der Studierenden seines Fachs zu kümmern hatte. D.h. er traf sich regelmäßig mit den Studies in der Mensa oder abends zu einem Umtrunk. Gemeinsame Ausflüge gehörte dazu, oder auch mal als „Telefonseelsorger“ die Kummerkastenfunktion einzunehmen. Alles machte ihm viel Spaß. Eine bewundernswerte Einrichtung, die an den europäischen Unis fehlt.

Es war wohl im Sommer 1992. Ich forschte im Anschluß an eine Tagung über „Die bodenlose Tomate“ länger in „State College“ zum Wandel des Eßverhaltes. Eine Ansiedlung im ländlichen Pennsylvania rings um die Pennsylvania State University wo es in den Straßen rings um die Uni an Salatbars, wie sie bei uns wohl in Freiburg besonders früh entstanden, nicht zu denken war. Stattdessen dominierten gesichtslose Malls inmitten ihrer Parkplatz-Ödnis am Siedlungsrand. Rings herum ein wunderschöner „Indian Summer“, die Bäume gaben prachtvoll grün, gelb und rot. Das 40.000-Einwohner Örtchen State College liegt in den dicht bewaldeten Appalachen-Bergen zwei Auto-Stunden nordöstlich von Harrisburg, das durch den Atom-Unfall 1979 bekannt geworden ist, bzw. vier Auto- Stunden ostnordöstlich von Philadelphia und Baltimore, die um 1776/1787 die reichen Zentren der entstehenden USA waren, nunmehr verarmte Millionenstädte sind mit lebhaften Drogenszenen.

Auf den privaten Parties der Hochschullehrer ging es dort wie schon in den 1980er Jahren eher darum, wie man europäisches Vollkornbrot einschmuggeln oder echten Kaffee herbekommen könnte. Nördlich von New York City, in Upstate New York hatten sich im Hudson River Valley mit seinen vielen Colleges und Universitäten Studierende der Soziologie mit Kaffeeröstereien und „German Bakery“s selbständig gemacht, und zwar sehr erfolgreich, denn das läppische „Golden Toast“ Brot ging zunehmend mehr Amerikanern auf den Keks. Im benachbarten Connecticut hatten die Benedictinerinnen vom Kloster Regina Laudis einen der größten Umweltmärkte ins Leben gerufen, gewährten depressiven Hippies kostenlose Retreats und waren erfolgreich in die Bio-Käserei eingestiegen. Auch die Tagung zur „Bodenlosen Tomate“ hatte eine von ihnen zusammen mit ihrem Freund Ivan Illich ausgerichtet.  Hier nun in State College beeindruckten mich „Environmentalists,“ die ihre Professur an den Nagel gehängt hatten und Biobauern geworden waren.

„All you can eat“ – Restaurants hatten damals großen Erfolg in den USA, weil das Essengehen im Vergleich zu Europa teuer war und ist und jüngere Leute und Mitglieder der Minderheiten ständig mit intervallartiger Erwerbslosigkeit rechnen mussten. In den „all you can eat“-Lokalen aßen dann jedoch Manche unbedacht dermaßen viel, dass sie in eine Klinik gebracht werden mussten. Die wenigsten hatten bereits über die Qualität der Lebensmittel nachgedacht. Und ob die Restaurants das, was die Leute auf ihren Tellern übrigließen, in irgendeiner weiseökologisch sinnvoll verwerteten? Die Berliner Mensen konnten ihre Essenreste damals noch an Schweinehalter weitergeben, bevor das auch in Europa aus – umweltökologisch problematischen – Hygienegründen verboten wurde.

„All you can eat“ ist nun in Berlin ein Forschungsprojekt, das den ökologischen Fußabdruck unserer Verzehrgewohnheiten zu ermitteln versucht. Im „Berliner Tagesspiegel“ wurde es bereits mehrfach vorgestellt, sympathische junge Leute vertreten das Projekt. Hauptsächliche junge Frauen. Zusammen mit dem Tagesspiegel bietet das Projekt interaktive Internetseiten an. Ich soll ankreuzen, wie ich mich ernähre und so den ökologischen Fußabdruck meiner Ernährungsweise eruieren. Die als so gesund geltende Avocado hat leider eine sehr schlechte Klimabilanz im Gegensatz zum Apfel von hier etc. Zu meiner Verwunderung kann ich jedoch meine Öko-Kartoffeln aus dem Umland und meinen fairtrade-Kaffee von Kleinbäuerinnen nicht als solche berücksichtigen. Muss so tun, als wäre alles bei Aldi oder Rewe gekauft, obschon der ökologische Fußabdruck sehr viel geringer ist. Erstaunlich. Denn in meiner Umgebung inmitten Berlins bin ich sozusagen gerade zu umzingelt von wohlsortierten Wochenmärkten und vor allem Bioläden aller Art. Biocompany, Alnatura, Denns, LPG und sogar noch kleine selbständige Bioläden, über sieben reine Bioläden sind in more-or-less fußläufiger Entfernung zumindest mit dem Rad in jeweils weniger als 10 Minuten erreichbar. Sogar die konventionellen Supermärkte hier geben sich hier neuerdings als „Bio“. Kurzum: inmitten Berlins ist der Ernährungswandel Richtung „Öko“ überdeutlich. Und das soll bei der Berechnung des ökologischen Fußabdrucks unseres Essverhaltens keine Rolle spielen?

Und leistet damit ein derartiges Forschungsprojekt nicht indirekt der Behauptung der Konzerne Vorschub, nur die industriele Landwirtschaft könne „die Welt ernähren“? Als wäre die Biolandwirtschaft noch immer ein so unbedeutendes Segment im Janzen, dass man es bei derartigen Berechnungen ohne Weiteres außen vorlassen könne. Das ist grob fahrlässig. Nur die Biolandwirtschaft schafft die Arbeitsplätze und dergestalt die lebendigen Dörfer, die wir brauchen, um erholsame Ferienziele für Städter zu ermöglichen, die – wie etwa das Ökodorf Brodowin – neue Bewohner ins Dorf holen. Und nur eine kleinräumige Biolandwirtschaft mit vielen Hecken und Bauminseln – und nur sie – erhält die Biodiversität, die die künftigen Generationen brauchen werden. Nur eine kleinräumig arbeitende Biolandwirtschaft mit Streuobstwiesen, Weidetieren unter inklusive Federvieh unter freiem Himmel arbeitet einem weiteren Klimawandel entgegen. Von einem Forschungsprojekt zum heutigem Ernährungsverhalten, das diesen Sachverhalt nicht berücksichtigt, ist nur bedingt etwas zu erwarten.

Und dann geht es ja auch noch um uns Esser: Wer etwa in der letzten Zeit in eines der Berliner Krankenhäuser musste, weiß wie unerträglich fade das Essen dort ist. Es stammt aus der industriellen Landwirtschaft, wird zentral in Großküchen hergestellt und schmeckt enttäuschend – buchstäblich  nach nichts. In Berlin gibt es meines Wissens nur ein einziges Krankenhaus, das konsequent nur die ökologisch angebauten Erzeugnisse der Bauernhöfe seiner Umgebung bzw. des erweiterten Umlands verwertet und zwar das anthroposophische Krankenhaus Havelhöhe. Nur dort wird den Kranken eine vor Ort gekochte Kost vorgesetzt, die belebend wirkt. Es handelt sich um Speisen, die Aroma haben und also befriedigen und sozusagen wohlig satt machen. Und dank ihrer Aromen und Bitterstoffe uns Zeitgenossen so auch vor unbedachtem Völlern oder auch nur den berühmten „Stielaugen“ bewahren. Denn die vollgeladenen Teller, die anschließend zur Hälfte im Müll landen, belasten unsere Klimabilanz ebenso, wie die zu großen Supermärkte, die noch Gutes wegwerfen müssen, um ihre Regale neu füllen zu können… Unsere Gemüsemärkte, die kleinen Bioläden, örtlichen Biobetriebe aber vor allem auch Krankenhäuser wie „Havelhöhe“ müssten deutliche Klimapreise erhalten!

Fotos: Kätzchen des Gemeinschaftsgartens in Bad Düben

1 u 2:  Gemüsefelder und Pferde der SoLaWis Apfeltraum und Bienenwerder bei Müncheberg

3 u 4: Erntende und Erfinder Max von Grafenstein des Selbsternteprojekte „Bauerngarten“ in Berlin

(Alle Fotos von der Verfasserin)