Kornkammer Ukraine?

Die Ukraine gehört zu den weltweit wichtigsten Exporteuren von Sonnenblumen, Mais, Weizen, Raps, Gerste und Walnüssen. Nach Nachwende-bedingter Krise ist sie seit etwa 2000 wieder einer der wichtigsten Agrarproduzenten Europas. Zwischen August 2018 bis Juli 2019 stiegen die Agrarexporte in die EU gar um 34 %. Rund 20 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung arbeiten im Agrarbereich, informiert die Bundeszentrale für Politische Bildung. Dem großen Anteil der etwa 10 Millionen Kleinbauern wird allerdings die Vermarktung ihrer Produkte zunehmend erschwert. Die großen Distributoren interessieren sich nicht für ihre Erzeugnisse und daher die Regierung sich nicht für sie. Von der Landverkaufspolitik der  Regierung der Ukraine fühlten sich die Kleinbauern bedroht. Deren Annahme der Vorgaben des IWF bedeutete eine Amerikanisierung, die in den Ländern Afrikas in eine Nahrungsimporte-Abhängigkeit geführt hat, die zuvor nicht gegeben war.

Die Kleinbäuerinnen der Ukraine verkauften ihre Produkte auf offenen Märkten. Ihre Käuferinnen wußten, dass deren Gemüse Pestizid-frei waren. Für teure Agrargifte hatte niemand das Geld. Ein Ausweg für in Not geratene Kleinbauern könnte der zertifizierte Biomarkt sein. Im Biobereich haben sich bei dessen Aufbau kleinere, handwerkliche Strukturen bewährt. Das könnte einen Ausweg eröffnen, aber auch hier sind die Exportfirmen an Großstrukturen interessiert. Tatsäch wurden in jüngerer Zeit vermehrt Bioerzeugnisse aus der Ukraine in die Europäische Union exportiert. Im Westen herrscht dank der Boden-fressenden „Biodiesel“-Politik der EU  sowie seit der Finanzkrise 2008 Mangel an bebaubarem Land. Hiesige Biobetriebe, die in die Massenproduktion von Viehzeug eingestiegen sind, können ihre Tiere nicht aus eigenem Anbau füttern. Die Schwäche der ukrainischen Währung macht es dem Biosektor des Westens leicht, aus der Ukraine zu importieren. Der Biosektor der Ukraine wiederum leidet am Währungsgefälle weniger als der industrialisierte Landbau – trotz der berühmten fruchtbaren Schwarzerde. Allerdings gab es auch schon einige Skandale, als angebliche Bioprodukte aus der Ukraine keine solchen waren. Ergebnis der in der Regel Korruptions-trächtigen Großstrukturen.

Aus dem deutschen Landwirtschaftsministerium BMEL heißt es, dass der Anteil der Ukraine an den weltweiten Weizenexporten in jüngster Zeit beständig zu nahm und auf 12 Prozent gestiegen sei, während der Anteil der EU bei 16 Prozent lag. Da die EU sich selbst mit Weizen versorgen kann, trifft der kriegsbedingte Stopp des Exports – infolge zerstörter Brücken, fehlendem Treibstoff und vor allem fehlender Arbeitskräfte – aus der Ukraine vor allem Länder Afrikas und Asiens. Das Hochschnellen der Weizenpreise an der Börse, hindert ärmere Staaten wie etwa Ägypten daran, für ihre Bevölkerung noch Getreide kaufen zu können. Entwicklungshilfe-Organisationen wie „Misereor“ und „Brot für die Welt“ befürchten, dass der Krieg gegen die Ukraine den Hunger in der Welt drastisch verstärken könne. Afrika etwa beziehe 30 % seiner Weizenimporte aus Russland und der Ukraine…

Tatsächlich sind vor allem jene Länder, in denen Kriege geführt wurden und werden, wie Syrien, Somalia oder der Jemen, auf Weizenimporte angewiesen. Ihre Notlage wird jetzt missbraucht, die aus Klimaschutzgründen notwendige Agrarwende zu blockieren. Das zumindest versuchen der EU-Agrarkommissar aus Polen oder die Franzosen im Vorsitz des Europäischen Ministerrats. Und auch der Deutsche Bauernbund als ewiger Promotor einer industriellen Landwirtschaft. Dabei wären resp. waren Länder wie Syrien, der Jemen etc. ohne Bombardements in der Lage, sich selbst zu ernähren. Zumal bei Umstellung auf eine kleinräumigere Biolandwirtschaft oder sogar Agroforstwirtschaft. Tatsache ist: Wenn die weltweite „Tierproduktion“ in den reichen Regionen zurückgefahren würde, hätte man Getreide für alle. Die derzeitige Fastenzeit sollte uns das erleichtern.

Als wir 1973 mit einem Marburger Politologen-Seminar zur Landwirtschaftspolitik der UdSSR durch die Ukraine fuhren, durchquerte unser Bus endlose Dörfer, in denen Holzhaus an Holzhaus gereiht war. Wir besichtigten wir eine vergleichsweise muntere Kolchose und anschließend eine Sowchose, in der eine lustlose Ödnis dominierte. In Kiew beeindruckte die Stalin´sche Prachtarchitektur auch für die Wohnbauten. Ich bestaunte die mutige Initiative von Mieterinnen, die auf dem großzügigen Grün zwischen den Häusern auf eigene Faust gärtnerten. Sie pflanzten Blumen und Kräuter, was von der Nachbarschaft wohlwollend toleriert wurde. Ich wusste damals noch nicht, dass im gleichen Jahr auch in New York das Guerilla-Gardening ausgebrochen war. In Poltawa musste unsere eher Geschichts-abholde Schar ins Museum. Wir erfuhren vom russischen Sieg über die Schweden 1709, bei der die Ukrainer ihre Unabhängigkeit verloren. Aber zum Befremden mancher Exkursionsteilnehmer klang es irgendwie so, als wäre die Ukrainer stolz auf ihre heroische Geschichte…

Die Begeisterung vieler Studierender Marburgs für die Errungenschaften der Sowjetunion war damals groß. Und tatsächlich sprach die Hälfte des Seminars sehr gut russisch und so ging es abends in den Hotelrestaurants und Kneipen hoch her. Von glücklichen Einheimischen wurden wir zum Essen und Trinken genötigt, wir sollten mit ihnen die nun anbrechende Zeit ewiger Völkerfreundschaft feiern. Die 1973 von der Regierung Willi Brandts angeschobene neue Entspannungspolitik löste in der Sowjetunion große Begeisterung aus. Dabei wurde uns allerdings auch sehr deutlich gemacht, dass dieser neue Völkerfrieden vor allem auch mehr Eigenständigkeit für die Ukraine bedeuten würde. Darauf galt es zu Trinken und zu Essen, es war unmöglich die Einladungen abzulehnen. Das ging vor allem auch in der vermehrt russischsprachigen Industriestadt Charkow so weiter. Als ich 14 Tage später in Berlin dem Flugzeug entstieg, war ich dermaßen gemoppelt, dass der mich abholende Freund in helles Gelächter ausbrach. Kurzum: Dass die Ukrainer ihr Land heute wie die Löwen verteidigen, wundert nicht. Im Sinne einer Zukunftsorientierten Politik wäre es, wenn die Regierung ihre klimaschädliche Politik des Ausverkaufs des Bodens wieder revidierte. Mit einer auf einheimische Selbstversorgung orientierten Politik wäre zudem sowohl den örtlichen Bauern wie auch ihren Käufern gedient. Es sind auch jetzt in der Ukraine kleinere Höfe, die den Flüchtlingen selbstlos helfen.

Weiterlesen:  „Ukraine erfüllt eine Forderung des IWF und gibt ihr Ackerland zum Ausverkauf frei“  von Ulrich Heyden

zum Krieg gegen die Ukraine siehe insbesondere Andreas Zumach in der aktuellen Le Monde Diplomatique vom 10. März 2022 wie auch im neuen Infosperber

Karten-Ausschnitte aus dem Diercke-Weltatlas von 1974 Fotos: EMR