Paradoxien der Hygiene

Das Café im Gewächshaus der botanischen Anlage resp. des Volkspark Pankow im äußersten Norden Berlins musste schließen. Der Betreiber kann die Hygiene-Auflagen des Amts nicht erfüllen. Die dafür notwenigen Investitionen sind aus den laufenden Einnahmen des Cafés nicht zu bestreiten. Auch wenn der Umsatz eine gewisse Höhe zu haben scheint, ist doch die Summe, die schlussendlich beim Betreiber hängen bleibt eher bescheiden. Die Angebote an Kaffee und Kuchen waren konventionell. Die verarbeiteten Zutaten stammten eher nicht aus dem Umland. Es handelte sich auch nicht um Bioprodukte.

Dennoch ist es bedauerlich, dass eine derartige Lokalität schließen muss. Wenn man etwa an Sonn- und Feiertagen dort hinkam, war es immer proppenvoll. Es hatte etwas uriges zwischen Palmen seinen Nachmittagscafé trinken zu können. Sogar an heißen Tagen war der Café-Ausschank im Glashaus von furchtlosen Kuchenliebhabern gut besetzt. Wenn behördliche Auflagen, wären im Sinne des Klimaschutzes heute nicht eher solche sinnvoll, die verfügten: nur lokale Produkte aus ökologischer Erzeugung anzubieten? Mit minimalem ökologischem Fußabdruck?

Der am äußersten Rand Berlins gelegene Park hat eine andere Möglichkeit einzukehren nicht zu bieten. Das nächste Café wäre das Café „Labsaal“ in Lübars, im alten Gasthaus, das von einer Bürgerinitiative gerettet werden ist. Auch im Hofgut Blankenfelde, das ebenfalls sagenhaftem Bürgerengagement zu verdanken ist,  gibt es neuerdings ein Café. Aber ohne Auto oder zumindest Rad sind beide Orte nur nach strammen Marsch erreichbar. Busse fahren selten. Die S-Bahn-Stationen sind weit entfernt.

Die Hygiene-Reglements entstanden ab dem späten 19. Jahrhundert, um Volksseuchen wie Cholera und Tuberkulose den Kampf anzusagen. Die Cholera-Epidemie 1832 hatte die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzt, die von 1892 führte dann zu ernsthaften Reformen. Nun wurden in den Großstädten Mitteleuropas sanitäre Anlagen für Mietshäuser verbindlich. Verwunschene Innenstadtstraßen, die aus  reinen Altbauten bestehend allenfalls Plumpsklos auf den Hinterhöfen aufzuweisen hatten, wie das Hamburger Gängeviertel, wurden abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Die darin hausenden Armen  verloren mit ihren erzwungenen Umzüge nicht selten auch angestammte Nachbarschaften, in denen eine gewisse gegenseitige Hilfeleistung selbstverständlich war und fanden sich in kaum zu bezahlende Neubauten am Stadtrand wieder oder in winzigen Einraum- oder Kellerwohnungen, die sie „trockenwohnen“ sollten.

Noch schlimmer trafen die neuen Hygiene-Regeln die kleineren Bauern, deren Höfe nunmehr als schmuddelig galten. Mit überzogenen Hygieneregeln, die für Krankenhäuser und Massentierhaltung nötig sind, gelang und gelingt es der industriellen Landwirtschaft, die Kleinbauern weltweit aus dem Felde zu schlagen. Kaum hatten etwa die polnische Milchbäuerinnen, nach 1989 für ihre Ställe die alten Milchküh-Anlagen aus Deutschland gekauft, kam die EU ihnen schon wieder mit neuen unbezahlbaren Hygieneauflagen. Erwiesenermaßen entstehen von BSE über die Vogelgrippe bis hin zu Corona die neuen Krankheiten in der Massenhierhaltung. Kühen mit täglichem Weidegang klebt wohl öfter mal ein der Rest eines Kuhfladens an der Seite, aber sie werden kaum krank.

Gehören unsere Hygiene-Regeln eventuell generell abgeschafft? Sicher ist: Wir brauchen hier einen Schnitt und radikales Umsteuern. Großbetriebe, die ein überzogenes Hygieneregime erzwingen, dürften mit keinem Cent mehr gefördert werden. Kleinbetriebe, egal ob im Gastrobereich, im Handwerk oder in der Landwirtschaft, in denen die Besitzer selbst putzen, dürfen die hohen Standards der Industrie nicht aufgezwungen werden. Sie produzieren die neuen Krankheiten nicht und sie stellen weltweit das Gros der Arbeitsplätze.

Die Hygiene ist dabei unseren Planeten zu zerstören. Der unendlichen Plastikmüll, den Industrie und Krankenhäuser oder Großküchen aus Hygienegründen produzieren, ist für die Erde nicht mehr tragbar. Sabrina Weiss berichtet in der Schweizer Internet-Zeitung „Merkur“ am 19.4. von einer Umweltkatastrophe im indischen Meer. Vor etwa einem Jahr geriet vor der Küste Sri Lankas ein Schiff aus Saudi-Arabien, gefüllt mit Plastikgranulat und hochexplosiven Agrargiften, in Brand und sank.

Die örtliche Regierung verbot zunächst die Fischerei, wovon in Sri Lanka viele Familien existenziell abhängen und den im Land üblichen den Fischverzehr. Freiwille und arbeitslose Fischersfrauen sammelten hunderte und aberhunderte Säcke von Plastikteilchen an den Stränden und sind damit bis heute noch nicht fertig. Die Helfer fanden 258 verendete Schildkröten, 43 Delfine und 6 Wale tot an den Küsten. Die Fischer berichten, dass sie noch immer Plastikverstopfte Fische fänden und generell nur noch wenig Fische fangen können. Hygieneregeln, die derartige Umwelt- und Klima-Katastrophen hervorrufen können, haben sich überholt. Sie gehören in der bisherigen Form abgeschafft. Großbetriebe, die derartige  Gefahren produzieren, sind aus Umwelt-, Klima- und sozialen Gründen nicht mehr tragbar.