Vom abgehängten Land

Der Berliner Journalist Uwe Rada hat sich mit der Brandenburger Landschaft befasst, in er neuerdings lebt: dem Schlaubetal.  Seine Frau Inka Schwand hat stimmungsvolle Fotografien zum neuen Buch „Siehdichum“ gestiftet. Er fragte den Müller der Mühle von Müllrose, warum er sein Erzeugnis  von „Muehlroser Mehl“ in „Brandenburger Mehl“ umgetauft habe. Die Antwort kam prompt: „Müllrose kennt kein Schwein!“ So ist es mit der ganzen dünn besiedelten Gegend Ost-Brandenburg in der nördlichen Oberlausitz zwischen Beeskow und Eisenhüttenstadt an der Grenze zu Polen. Zu erzählen gibt es donnoch eine Menge. Rada traf alteingesessene  Umwelt-Aktive, die sich für den Erhalt der Natur einsetzen. Aus von Panzern jahrelang geschundenen Halbwüsten werden– einmal sich selbst überlassen – sehr, sehr langsam Naturlandschaften wie etwa die Lieberoser Heide. Die benachbarte Erinnerungsstätte gemahnt an das große Außenlager des KZ Sachsenhausen in Jamlitz, in dem ungarische Juden aus Ausschwitz für Himmler einen Truppenüberungsplatz erstellen sollten.

Titelgebend des ansprechend gestalteten Büchleins ist die Anhöhe „Siehdichum“ mit dem gleichnamigen Forsthaus, das ehedem zum Kloster Neuzelle gehörend, früher mal einen Blick auf die Umgebung gestattete. Was heute allerdings kaum noch der Fall ist, da (zumal im Sommer) der Laubmischwald so hochgewachsen ist, dass man hier heute  vor lauter Bäumen eigentlich nichts weiter sieht.  Immerhin ist es schön einsam hier, das Flüsschen Schlaube weitet sich gelegentlich zu tapferen Seen aus. Auf dem Weg hierher treibt die Schlaube in Bremsdorf  sogar noch heute das mächtige hölzerne Rad einer alten Wassermühle. Im Sommer gibt es unter windschiefen Holzdächern saftige Forellen. – Ganz anders prunkt der Ort Neuzelle mit seinem imposanten Kloster samt Klostergartenanlage und Blick auf die Oder. Es gibt lokales Bier, vor Ort gebrannten Schnaps und sogar einige Cafés. Aber die engagierte Apothekerin sucht wohl noch immer nach einer Nachfolgerin.  Alles in allem: Eine wunderschöne Mischwald-Landschaft für Wanderer mit einigen Highlits wie dem barocken Klosterbau. Zugleich: Eine dünn besiedelte Gegend, die nahezu immerschon marginalisiert worden ist.

Der Autor versucht etwa herauszubekommen, warum im Spreewald schon auf 40 % der Fläche biologisch gewirtschaftet wird, während in Ostbrandenburg die meisten Betriebe eher ihre LPG-Dimensionen erhalten haben und monokulturell wirtschaften. Der sandige Boden hier gäbe kaum etwas anderes hier, erfuhr er, dennoch versuchen hier auch konventionell arbeitende Landwirte nachhaltig und lokal zu wirtschaften. Der Verkauf via Hofladen ermöglicht solchen Betrieben die Existenz. Die beiden Biobauern hingegen sind darauf angewiesen, Samstags auf die Berliner Wochenmärkte zu fahren oder Berliner Restaurants zu beliefern, damit die Kasse stimmt.

Was allerdings in den Betrachtungen in dem kleinen Buch etwas  kurz kommt, ist die nahezu schiere Unmöglichkeit diesen kaum 80 km von Berlin entfernt liegenden Naturpark Schlaube-Tal mit der Bahn einigermaßen erreichen zu können. Die wichtige Stammbahn von Berlin über Beeskow und Cottbus bis nach Dresden wurde eingestellt. Die Landbewohner blieben auf der Strecke. Ob es wirklich ein Trost ist, wenn eine so wichtige Quer-Verbindungen durch einen Radweg ersetzt wird? Wird in Berlin nicht gerade ein Stammbahn vom Lehrter Bahnhof nach Potsdam reaktiviert, die eigentlich keiner braucht, weil es bereits mehrere gute Verbindungen gibt? Warum nicht einmal versuchen, die regionale Wirtschaft zu reanimieren, indem man den Regionen ihre Querverbindungen zurück gibt? (Zumal sozusagen passend zum Neun-Euro-Ticket hat die Deutsche Bahn Grünbedürftigen Ausflüglern die Zugstrecke nach Frankfurt/Oder Baustellenbedingt in eine Schienenersatzverkehrs-Zumutung  verwandelt. Man braucht nunmehr etwa drei Stunden, um mit dem öffentlichen Nahverkehr von Berlin aus ins Schlaubetal zu gelangen.)

Was ebenfalls im Buch sehr interessant geschildert wird, sind die bitterbösen Auswirkungen, die die politischen Entscheidungen für die Einwohnerschaft hatten. Wie etwa jene Neuordnung des Wiener Kongresses, die 1815 die Region den Sachsen nahm und Preußen zuordnete. Frankfurt an der Oder verlor seine Uni an die Berliner. Es wurde zum Trost Provinzhaupstadt und die bisherige, Lübben im Spreewald, hatte das Nachsehen. Unterbelichtet bleiben jedoch die Gebietsreformen, die in den letzten dreißig Jahren den Dörfern ihre Eigenständigkeit nahmen und sie zu „Ortsteilen“ deklarierten. Ohne dass diese Rationalisierung auf Kosten des Landes auch nur einen greifbaren Vorteil für die Dorfbewohner oder auch nur die Allgemeinheit hätte. Ganz im Gegenteil, es handelt sich um eine Entmündigung der Dörfer. Der angeblich damit angepeilte Spareffekt belief sich, wie von der Forschung mehrfach gezeigt, auf null.

Hinzu kommt eine Natur- und Landschaftsschutz-Politik, die Ortschaften, die das Glück haben in einer Kernzone des Landschaftsschutzes zu liegen, Vorschriften auferlegt bekommen, die eine wirtschaftliche Aktivität der ansässigen Bevölkerung more or less unterbindet. Die Paare brauchen zwei Autos , um damit nach Eisenhüttenstadt oder Berlin Pendeln zu können. Gleichzeitig wird aber sogar im Landschaftsschutzgebiet immer noch eine Art der Landbewirtschaftung, also Landwirtschaft, gestattet, die keine Arbeitsplätze schafft dafür jedoch den Wanderer mit öden allzu große Feldern oder Buschrändern eine Langeweile zumutet, die der Biodiversität wie dem Klimaschutz und auch dem sanften Tourismus keineswegs förderlich ist.

In jedem Fall ist das aufwendig recherchierte Büchlein jedem Interessierten als Wanderführer und Einstieg zu empfehlen. Uwe Rada, Siehdichum – Annäherungen an eine brandenburgische Landschaft,  224 Seiten, zahlreiche Fotos, Berlin: Bebra Verlag 20,- Euro