Land ohne Vieh. Amazonas im Trog.

Die Städter zieht´s aufs Land, jedoch ein Dorf mit einigermaßen lebendiger Umgebung zu finden ist nicht mehr leicht. Riesige Äcker veröden die Regionen und es gibt kaum noch Vieh auf den Weiden.  Immer mehr Dörfer sind einen Geräusch- und Geruchlichen Dämmerzustand geraten – ohne muhende Kühe oder blökende Schafe – seitdem die Politik mit struktureller Gewalt den letzten kleinen Bäuerinnen und Bauern die Exzistenz verunmöglicht. Auch der Tourismus, der sowohl den Bäuerinnen und Bauersfrauen als auch den LPG-Genossinnenen als Erwerbsalternative versprochen wurde, verschwindet sang- und klanglos aus den ausgeräumten Provinzen. Gegenden ohne Tiere, Vögel, Hecken und Feldraine, Bauminseln oder Wäldchen. Und dennoch will die europäische Politik weiterhin die bäuerliche Landwirtschaft zerstören.

Am 28. Juni 2019 nämlich haben sich EU-Kommission mit den Mercosur-Ländern (darunter Argentinien und Brasilien, mit denen eine verantwortliche Regierung gar nicht mehr verhandeln dürfte) auf ein weiteres Freihandelsabkommen geeinigt. Die EU-Kommission hat den Lateinamerikanern versprochen, dass wir Europäer noch mehr Rind-, Geflügel-und Schweinefleisch in uns reinstecken, unsere Kaffees oder Kuchen noch heftiger süßen, bloß damit der Rubel rollt. Wir  Europäer wären bereit, so heißt es im Abkommen, noch mehr Agrotreibstoffe zu beziehen oder noch mehr gentechnisch verändertes Soja für noch mehr Schweine kaufen, obschon unser Grundwasser schon jetzt an den überreichlichen Güllemengen krankt und der Soja-Anbau vielfach direkt auf Kosten des Amazonas-Waldes geht.

Auch für Milchprodukte ist die gegenseitige sogenannte „Marktöffnung“ vorgesehen, obwohl wir weltweit bereits genug Milch, Käse und Butter haben. Man ignoriert damit, dass man so direkt zur weiteren Abholzung des Amazonas-Regenwald beiträgt. Und immer mehr Kleinbauern und Selbstversorger Südamerikas in den Hunger treibt. Denn in den Mercosur-Ländern war besonders die Soja-, Zucker-und Fleischproduktion auf früher wie heute mit Gewalt angeeigneten Riesen-Haciendas immer schon einseitig auf den Export orientiert. Man betreibt hier heute eine absolut umweltschädliche industrielle Landwirtschaft. Der weltweit für den Erhalt eines erträglichen Klimas und als Pool der Artenvielfalt zentrale Amazonasregenwald wird gnadenlos geopfert, ohne jede Rücksicht auf unsere Gesundheit geschweige die kommenden Generationen. Die Menschenrechtsverletzungen, die im Zuge des Amazonas-Raubbaus geschehen, will man seitens der Politik so zusagen sehenden Auges nicht wahrhaben.

So stehen die Bauern in Europa vor großen Herausforderungen, denn sie sollen klimaverträglicher und tiergerechter produzieren, was ohne sorgfältige Arbeit mit entsprechenden Kosten auf den Höfen nicht zu machen ist. Und zugleich aushalten, dass die  Importe aus den Mercosur-Ländern zu einem Preisverfall für ihre Erzeugnisse führen werden. Diese Art von „Handelspolitik“, die weiterhin die ungleichen Produktions-, Umwelt-und Sozialstandards zugunsten der Agrarindustrie verschiebt, killt die Existenz von Bauernhöfen auf beiden Seiten des Atlantiks. Vertreter der bäuerlichen Landwirtschaft Europas fordern daher ihre Regierungen auf, dieses Handels-Abkommen im EU-Rat abzulehnen. Vielmehr  brauche Europa eine Handelspolitik für bäuerliche Erzeuger und faire und kostendeckende Preise für ihre Milch, ihr Gemüse oder Getreide. Denn längst sind die Menschen weltweit mehrheitlich an qualitativ hochwertigen, regional erzeugten Lebensmitteln interessiert, deren Herstellung weder auf Kosten des Klimas, des Tierschutzes oder der Artenvielfalt bzw. einem guten Leben in lebendiger Umgebung auch auf dem Lande geht.

Corona: lokal statt krankhaft global

Der Corona-Stillstand zeigt uns einmal wieder: unsere Lebensmittelversorgung muss zurück zu einer vornehmlich regionalen Versorgung. Die Lebensmittel einmal um den Globus zu schiffen oder gar zu fliegen, das kann in Krisen zu problematischen Engpässen führen. Nur eine schwerpunktmäßig regionale Lebensmittelversorgung sichert vor  kommenden Krisen einigermaßen ab, egal ob sie nun Corona-, Finanzmarkt-, oder Klimabedingt sind. Die Coronakrise zeigt zudem, dass es sehr wohl möglich ist, von heute auf morgen das ganze System anzuhalten und zu ändern. Dass wir so auch gegen den Klimawandel angehen können. Der Wandel muss aus dem urbanen Raum kommen, denn dem Land hat man das Mitspracherecht weitgehend genommen. Wenn in den Großstädten die Politik etwa via der öffentlichen Versorger auf eine nachhaltige Verköstigung umstellte, wäre das eine ernsthaft so zu nennende Politik der Nachhaltigkeit. Wenn also beispielsweise in einer Millionenstadt wie Berlin in allen Krankenhäusern, Schulen, Kindergärten sowie den Amts- und Parlaments-Kantinen vorrangig regionale Speisen angeboten würden, wären wir einen guten Schritt weiter hinsichtlich Angang des Klimawandels. Hunderte von Arbeitsplätzen in der Region wären gesichert und statt zuckersüchtig zu werden, würden die Kinder die natürlichen Aromen frischer Lebensmittel zu schätzen lernen. Die Kranken würden leichter gesunden und in den Ämtern und Parlamenten würde womöglich mit mehr klarem Geist und Mut regiert. Tatsächlich setzen sich seit einigen Jahren weltweit in immer mehr Großstädten Ernährungsräte dafür ein, Klimaverträglichere Kantinenangebote und Verzehrgewohnheiten zu fordern und fördern.

Es begann in den USA, wo in einigen Großstädten Aktivisten in „Food Councils“ sich seit den 1980er Jahren sich dafür einsetzen, gesundes Essen auch für arme Kinder und ihre Familien zugänglich zu machen. Von Schadstoffen unbelastetes Essen in die Schulkantinen, das heißt die Öko-Gärtner und Bauernhöfe der Umgebung zu fördern und ihnen mittels Bauernmärkten, Abnahmegarantieren und festen Preisen das Leben zu ermöglichen. Wichtig war neben der Wiedereinrichtung von Gemüsemärkten vor allem das Gründen von lokalen CSAs, Community Supported Agriculture Gruppen bzw. solidarischer Landwirtschaft. Das ist im Interesse aller, denn kurze Wege sind die Voraussetzung für frische Lebensmittel. Und das steht auch nicht im Gegensatz zu „bio“ – ganz im Gegenteil: eine nachhaltige, klimaverträgliche Landwirtschaft ist kleinräumig, weil naturfreundlich. Umweltbewusste Farmer kultivieren alte Sorten, weil diese regional angepasst sind. Sie ackern auf kleinen, durch Bäume und Sträucher eingefassten Feldern, weil das ein Mikroklima schafft, das gute Ernten garantiert.

Im Bändchen mit Ratschlägen aus der Ernährungsbewegung: „Genial lokal“, sind es vor allem die Beispiele aus aller Welt, die inspirierend wirken. Kopenhagen etwa beschloss im Jahr 2000 zu einer „Ökometropole“ zu werden und ist damit erfolgreich. Bereits jetzt stammen in etwa ein Fünftel aller in Dänemarks Hauptstadt verspeisten Lebensmittel aus ökologischem Anbau, vorzugsweise aus der Region. Kindergarten-, Schul- und Unikantinen gingen mit gutem Beispiel voran. Es zeigte sich, dass wenn Kantinen vermehrt Lebensmittel der Saison zubereiten, das Angebot an Fleischgerichten etwas reduzieren und vor allem auch versuchen, das Wegschmeißen zu vermeiden, klimaverträgliche Gerichte nicht teurer zu sein brauchen, als konventionelle aus Fertig-Menüs bzw. Ferngereistem aus aller Welt. Eine finanzielle Förderung durch die Kopenhagener Politik machte diesen Wandel möglich.

In den USA konnten die Food Councils wie etwa in Cleveland, Ohio für den Ernährungswandel sogar Flächennutzungspläne ändern und so vermehrt Urban Agriculture und Community Gardens in die Städte bringen. So wurde eine neue Ernährungskultur für Kinder, Jugendliche und Erwerbslose mit allen Sinnen erfahrbar. In Nordamerika entstand die neue Ernährungsbewegung deshalb zuerst, weil hier gleich nach Ende des II. Weltkriegs die Kriegsindustrie in den Agrar- und Logistiksektor umgemünzt wurde: Die Produktion von Panzern wurde auf die von Treckern umgestellt, aus den Giften für den Feind wurden Agrargifte. Ernährungsbedingte Krankheiten wie Allergien, Diabetes, Fettsucht, Herzkrankheiten etc. nahmen und nehmen unten der Armen rasend schnell zu und belasten die öffentlichen Haushalte. Da die Bundesregierungen wie die in Washington in der Zange von Industrie und Banken stecken, mussten die Kommunen selbst aktiv werden, erklärt Wayne Roberts, der jahrelang den Food Council von Toronto in Kanada leitete. Er machte den Kommunen klar, dass die Lebensmittelversorgung heute die meisten Arbeitsplätze bereit hält, es also in ihrem Sinne ist, sich hier zu kümmern…

Seit 2016 entstehen derartige „Ernährungsräte“ auch hierzulande: in Köln und Berlin und überall: von Aachen über Südtirol bis Zürich in zunehmend ganz Europa. Da, wo die Städte wie etwa Köln mit einer ersten Stelle für die Koordination den ehrenamtlichen Bürgerräten die Arbeit erleichtern, werden erste Erfolge bereits greifbar…

Valentin Thurn, Gundula Oertel, Christine Pohl, Genial Lokal – so kommt die Ernährungswende in Bewegung, Oekom Verlag München 2018, 283 S., 20,- €.

 

Königin Corona aus der Wildnis

Die Kinder Italiens witzelten über „Königin Corona“, als sie ihnen unverhofft frühe Ferien bescherte. Corona kommt aus dem Wald. Zumindest mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Als eine Art Rache der Natur. Das Virus ist wahrscheinlich Ergebnis eines unbedachten Erntens der älteren Bäume unserer Wälder und generell ihre Zerstörung seitens der Industriellen Landwirtschaft. So verschwindet die „Wildnis“ als Habitat der Tiere. Fledermäuse gelten derzeit als diejenigen Tiere, auf denen die Corona-Viren leben, ohne ihnen viel anhaben zu können und von denen sie – wahrscheinlich über ein weiteres Wirtstier – auf die Menschen übersprangen.

Die Wissenschaftsjournalistin Sonia Shah verfolgte die Spur der Viren und Mikroben in die zunehmend dezimierten Wälder der Erde: Die Lyme-Borreliose trat in den USA erstmals 1975 auf, als die Vorstädte sich immer weiter in die Wälder Nordamerikas hineinfraßen und immer mehr Wildtiere ihre Lebensräume verloren. Bis dahin hatte das Opossum die Anzahl der Zecken in Schach gehalten, aber mit den Wäldern verschwanden auch die Opossums. – Dreißig Jahre später trat Ebola in Westafrika vor allem dort auf, wo vorher in großem Stile Wälder gerodet worden waren. Die auf deren Bäumen lebenden Fledermäuse mussten in Gärten und Parks ausweichen und konnten so die Menschen mit Ebola infizieren.

Eigentlich weiß man es seit Jahrzehnten. Die Menschheit bekam so manche ihrer Krankheiten von den Tieren und zwar zur kleineren Hälfte auch von ihren Haustieren: Pocken und Tuberkulose von den Kühen, die Schweine vererbten uns den Keuchhusten und die Enten die Grippe. Als im Zeitalter des Kolonialismus´ die Engländer im 19. Jahrhundert begannen, die Mangroven-Urwälder im riesigen Delta des Ganges abzuschlagen, machten die Bakterien aus dem Brackwasser die Menschen krank und in ihrer Folge erschütterten Cholera-Epidemien die Welt.

Wenn heute in den Armenvierteln der Welt auf offenen Märkten verschiedene frisch geschlachtete Tiereund Wildtiere neben einander gehandelt werden, können die Viren und Bakterien, die sie besiedeln, sich mit denen der anderen Tier vermischen. So können neue und vor allem dem Menschen gefährlichen Krankheiten entstehen. Die Vogelgrippe entstand, als Wildvögel in Geflügelmastbetriebe gerieten und ihre Viren mit ihnen. Dort konnte ein Stamm des Influenza-Virus zu H5N1 mutieren, der auch den Menschen befallen kann. Das kann eine gefährliche Pandemie auslösen. An der Vogelgrippe starben unzählige der angesteckten Menschen. Und zwar obwohl Geflügel in den USA 2016 und in Europa bereits 2006 millionenfach vorsorglich getötet worden war. Womit die Federviehhaltung auf dem Land  für Jahre verschwand…

Eigentlich wäre es so einfach: den Klimawandel endlich angehen und Bäume pflanzen, Bäume pflanzen, Bäume pflanzen und Brachen in Gärten verwandeln. Warum soll es nicht möglich sein, sich die Erde mit den Tieren in einer mehr brüderlichen Art und Weise zu teilen? Zumal das auch dem menschlichen Wohlbefinden zweifelsohne äußerst bekömmlich wäre… Denn nach vier Wochen Hausarrest und vielen Toten scherzen wahrscheinlich kaum noch Schulkinder über die „Königin Corona“…

Weiterlesen: Sonia Shah, „Woher kommt das Coronavirus?“ in: Le Monde diplomatique März 2020

Sonia Shah Pandemic, Tracking Contagions from Cholera to Ebola and Beyond, New York: Crichton Books 2016

Rein ins Grüne – mit zwei Meter Abstand

Raus ins Grüne, zumindest zwei Stunden Spazierengehen in der frischen Luft im Grünen pro Tag! Das nämlich sei, erklärt mir der über 80jährige noch immer aktive Dr. Mihai von Wilhelmshöhe mit großer Begeisterung, sei die beste Therapie gegen Krebs. Eine Stunde tue es auch, aber zwei Stunden seien besser. Am besten im Wald und unter Bäumen, der Mensch ist ein Lauftier. Falls das nicht gehe, sei das Im-Garten-zu-arbeiten eine gute Alternative. Diese Regeln gelten auch in Zeiten neuartiger Viren wie dem „Corona“-Virus. Nun erweist es sich erneut als extrem wichtig, dass alle Stadtbewohner Zugang zu öffentlichem Grün haben. Dass alle genügend ansprechende Grünanlagen mit ausreichendem Baumbestand in Wohnungsnähe haben. Und zwar in solchen Maße, dass sie den empfohlenen Abstand zueinander einhalten können. Wo es jedoch kaum noch Wälder oder Parks mehr gibt, dann brauchen sie zumindest Zugang zu Gärten, die auf geringer Fläche einer ungeheure Artenvielfalt Raum geben  können.

Also raus ins Grüne bzw. das Grüne reinholen in die Städte – das war die Idee der Lebensreformer seit dem 19. Jahrhundert, als immer wieder Bürgerengagierte, Ärzte, Frauen- und Arbeiterbewegte sich für mehr Grün in den Städten einsetzen – öffentlich zugängliche Parks, Wege an freien Flussufern und  in den Stadtwäldern. Kleingärten sollten  zu frischer Luft und sich Bewegungen unter freiem Himmel dienen und konnte zudem bei Kurzarbeit und finanzieller Not den betroffenen und bedrückten Familien helfen. Das galt vor allem für Arbeiterfrauen, die selten auskömmlich bezahlte Anstellungen bekamen, sich als Witwen oder „Eheverlassene“ durchschlagen mußten, weil manche Männer in Krisen grußlos nach Amerika auswanderten. Gärten für alle, besonders Schlechtverdienende und insbesondere Frauen – das bis heute angebracht. Zumal betrachtet man die Durchschnittshöhe weiblicher Renten, die mit 700 € unter dem Existenzminimum liegen…

Also Rein ins Grüne und wo es nicht genügend Auslauf im Umland oder innerstädtischen Parks gibt, da sollten die Kommunen braches Land für Gemeinschaftsgärten zur Verfügung stellen. Besonders derzeit von den Kirchen aufgegebene Friedhöfe sind eine gute Option. So können die Leute raus an die frische Luft, sich tummeln und regen. Kreislauf und vor allem auch Immunsystem bleiben fit. Die Menschen sind nicht gefährdet, Gefangenensymptome zu entwickeln und infolgedessen etwa innerfamiliär `übereinander herzufallen´.

In ganz Europa gibt es immer mehr Beispiele gelungener Gemeinschaftsgärten, das Phänomen strahlte von der Bundesrepublik Deutschland über Österreich und die Schweiz in alle Winkel aus. Einige von ihnen stellen Renate Künast und Viktoria Wegner in ihrem Buch „Rein ins Grüne – raus in die Stadt“ vor,  das vom Callwey Verlag großzügig bebildert wurde. Die meisten „Urban Gardening“-Projekte entstanden hierzulande erst im Verlauf der letzten 15 Jahre und werden ehrenamtlich betrieben wie etwa die Stuttgarter Inselgärten. Sie schaffen eine ansprechendere natürliche Umgebung und zugleich neue Nachbarschaftstreffs und wurde besonders anfangs als Interkulturelle Gärten gelobt und zunehmend zumindest mindest ideell auch seitens der Kommunen gefördert. Renate Künast besuchte ausgewählte Gemeinschaftsgärten in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und in der Schweiz und sprach mit einigen der Akteure.

Einige dieser Nachbarschaftsgärten arbeiten darüber hinaus an der Inklusion auch für Behinderte wie etwa die „Gemüsewerft“ in Bremen. Sie schuf dort, wo die bis zur Weltwirtschaftskrise 1928 in riesigen Werften Tausende beschäftigt waren, grüne Flecken. Gute Inklusionsarbeit bedarf eines festen Rahmens und so schafft das Urban Gardening als gewissermaßen neue sozialpädagogische Methode sogar Arbeitsplätze. In Andernach schuf die Stadt ein vorbildliches Programm für Arbeitslose, die an der Stadtmauer Gemüse für alle ziehen. – Aus Sicht einer selbst jahrelang in diesem Bereich Aktiven fehlt dem Buch allerdings das genauere darauf Eingehen, wie mühselig es ist, derartige Gärten resp. deren Flächen der Politik resp. Kommunal-Verwaltung abzuhandeln. Fast alle Gemeinschaftsgärten wurden von ihren Gründern aus Begeisterung für die Sache angelegt, aber unendliche Stunden gingen statt an den Beeten oder im gemeinsamen Tun etwa mit Flüchtlingen im Streit mit der Verwaltung drauf… Das unbedachte Umgehen mit der Zeit engagierter Bürger*innen seitens vieler Kommunalverwaltungen im Bereich des Urban Gardenings wird übersehen. Die soziale Bewegung dahinter beziehungsweise die politische Dimension des Urban gardening bleibt merkwürdig unterbelichtet. Davon abgesehen ist „Rein ins Grüne“ aber ein gelungenes Buch. Also: „Rin die Kartoffeln!“ und zwar auch in der Stadt und gerade auch in Krankheitszeiten! Gerade in Zeiten, da Bibliotheken, Museen und Gotteshäuser geschlossen bleiben, bieten neben Wäldern und Parks vor allem die neuen  Gemeinschaftsgärten den notwendigen Ausgleich.

Renate Künast, Viktoria Wegner, Rein ins Grüne – Raus in die Stadt. Eine Reise durch urbane Gärten. München: Callwey Verlag. 180 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 29,95 € resp. für ein Lesegerät 19,99 €

Allmenden statt Randbebauung

Der Tagesspiegel räumt zwei jungen Männern von der FDP eine ganze Seite ein, weil sie glauben, eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes wäre ein Leuchtturmprojekt“. (TS 30.12. und 31.1.2019)

Eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes würde sämtliches bisheriges Bürgerengagement auf dem Tempelhofer Feld mit einem Schlage auslöschen. Alles was Bürger in Gruppen, als Einzelne oder in der Feldkoordination bisher für den Park auf dem Tempelhofer Feld taten, indem sie sich für Schatten-Bäume oder Schafe, brütende Feldlerchen, Zauneidechsen oder WCs und Sitzbänke einsetzten. Die mit viel Liebe und tausenden von ehrenamtlichen Stunden aufgebauten Allmende-Gärten wären hops und perdü, denn sie liegen alle im besagten Rand. Ehrenamtliches Engagement würde – wie alle unbezahlte Haus- und Frauenarbeit – in unserem Gesellschaftssystem weiterhin mit Füssen getreten. Jüngere Männer aus der Schicht der Planer und wohl auch Besserverdienden, wie die zwei Herren der FDP, interessieren sich offenbar nicht für die Erholungsbedürfnisse der ärmeren Bevölkerungsteile aus Neukölln, Kreuzberg oder Tempelhof-Schöneberg. Diese Menschen nutzen auf dem Feld vor allem die schattigen Plätze im Randbereich des Feldes.

Die Wohnungskrise ist das Ergebnis einer verfehlten Finanzpolitik. Preiswerter Wohnungsneubau ist nicht möglich, solange die Staaten und die EU weiterhin ermöglichen, dass mit Grund und Boden spekuliert werden kann. Zumal das leider auch die Baupreise hochjagt. Mit Haus und Grund wird jedoch solange spekuliert werden, bis die Niedrigzinspolitik beendet sein wird. Bis klar sein wird, dass die EU sich nicht noch eine „griechische Tragödie“ wird leisten können. Erst dann wird der Wohnungsleerstand verschwinden. Den  schließlich nicht nur Großinvestoren auch „Geldpark-Wohnungsankäufe“ von Mittelständlern und Beserverdienden aus dem Ausland erzeugt haben.

Der von der Verwaltung gerne ins Feld geführte Zuzug nach Berlin ist minimal. Das angebliche Wachs-tum Berlins ist eine Schimäre, die die Politik und Administration sich einreden, weil ständiges Zunehmen angeblich den Kommunen angeblich aus der Krise helfe. Im Übrigen leben nicht ganz wenige unserer Zuwanderer auf der Straße, da ihnen Arbeitsplätze mit entsprechenden Verdienstmöglich-keiten nicht angeboten werden. Nur ein gutes Drittel der Bevölkerung ist vollbeschäfftigt und verdient jene 3000 bis 4000 und mehr im Monat, mit denen man sich die neuen Wohnungen leisten kann. Alle anderen liegen ganz erheblich darunter, bei um 1700 brutto und noch weiter darunter. Umbau von Leerstand wäre daher für alle Beteiligten erheblich sinnvoller und Leerstand hat Berlin immer noch in Hülle und Fülle. Die Randbebauung ist sozial gesehen daher blanker Unsinn, so lange man die Bedürftigen ihre Hütten nicht selbst bauen lässt. Aber auch dafür könnte man besser erst einmal die vielen anderen unansehnlichen Brachen Berlins hernehmen, statt Bürgerengagement mit Füssen zu treten. – Zim Gründungsprozess der Allmende-Gärten mehr in „Die Hauptstadtgärtner“.

https://bluetenfreuden.de/2020/03/12/rezension-die-hauptstadtgaertner-von-elisabeth-meyer-renschhausen/

Gemeine Partizipation: Feldkoordination

Berlin: Am 7. November werden in der Alten Zollgarage des Flughafengebäudes, erneut die Feldkoordinatoren für das Tempelhofer Feld gewählt. Das ehemalige Flugfeld und die vormalige Weide des früheren Dorfs Tempelhof soll als neue Form einer Gemeinheit (engl. common oder amerik. commons) von dafür eigens gewählten Bürgern und Bürgerinnen gemeinsam als Park resp. klimarelevante offene Freifläche entwickelt werden. Die bisherige Bürgervertretung würde sich freuen, wenn sich viele interessierte Bürger und Bürgerinnen aufmachten und am Wahlakt beteiligten, mit dem für weitere drei Jahre die Feldkoordinatoren aus der Bürgerschaft Berlins bestimmt werden. Auf dieses Beteiligungsmodell ist man in Berlin seitens Politik und Verwaltung sehr stolz, es gilt als einmalig und weltweit wegweisend. Denn wesentlich die Bürger sollen entscheiden, was aus dem Feld wird, also wie viel(e) freie Fläche, Bäume, Schafe und Gemeinschaftsgärten, Spielflächen, Bänke, WC-Häuschen oder Skaterbahnen und Sozialprojekte das Gelände braucht, um der Allgemeinheit der Berliner und ihrer Besucherinnen optimal dienen zu können.

Die Arbeit als Feldkoordinatorin ist nicht un-zeitaufwendig, fünf bis sechs Stunden pro Woche und möglichst mehr, muss so eine Feldkoordinator für die Sitzungen, deren Vorbereitungen und das Lesen der entsprechenden Unterlagen wie u.a. der Protokolle etc. schon einrechnen. Und anstrengend ist die Mitarbeit in der Feldkoordination, insofern die Gier der Bauindustrie nach neu zu bebauenden jungfräulichen Flächen seit der letzten Finanzkrise 2007 unendlich ist und der Druck, den sie auf die Politik ausübt, sich bis in die Berliner Verwaltung hinein fortsetzt. Dank geschicktem Lobbying der Bau- und der dahinter steckenden Finanzindustrie, meinem sogar einige Grüne Abgeordnete, man müsse über eine eventuelle „Randbebauung“ des Tempelhofer Feldes erneut nachdenken, statt das geldpolitisch bedingte Spekulieren mit Häusern und Wohnungen anzugehen. Und das trägt sich in die Feldkoordinatorenschaft hinein. Die dann etwa, wenn einer ihr 200 Obstbäumchen schenken will, gewissermaßen gellend aufschreit und vermutet, dass am Tag nach der Baumsetzung die Bauindustrie dieses Buddeln für ihre Zwecke nutzen könnte… Eine derartige Streiterei um Bäume, in Zeiten da wir Schatten brauchen, ist jedoch eher unfruchtbar und ungesund. Sie frisst Zeit, die für Kreativeres genutzt werden könnte. Wie z.B. wäre zu erreichen, dass eine so riesige Fläche wie ein Parkplatz für Flugzeuge aus der Nazizeit am Empfangsgebäude vom Denkmalschutz (offenbar zugunsten von Autorennen)  wieder entbunden wird? Wie wäre zu erreichen, dass soziale Arbeit, die  ohnehin meistens nur mager entlohnt wird, nicht mit reinen Gewerbebetrieben wie etwa einem E-Roller-Verleih in einen Topf gesteckt wird? Wie kann man den ausgegliederten Behördenteil namens Grün Berlin GmbH besser kontrollieren, da er als „Privatbetrieb“ mit „Geheimhaltspflicht“-Argumenten die Bürgerkontrolle ständig unterläuft? Dazu kommt die Frage, wie man das Tempelhofer Feldgesetz so auslegen kann, dass es soziale und sozialpädagogische Projekte auf dem Feld besser fördert und unterstützt. Denn das wunderbare Tempelhofer Feldgesetz krankt an einem Freizeitbegriff, der das Nachdenken über eine neue städtische Agrarkultur eher aus- denn einschließt. Selbsthilfe, Eigenarbeit und Selbstversorgung als „privates“ Agieren zu verstehen, sollte jedoch fragwürdiges Privileg der Verwaltung blieben. Bürgerengagement sollte wissen, dass die Subsistenzarbeit der Ärmsten und kreativer Prekärer nur dann erfolgreich ist und sein kann, wenn sie in Form von kooperativem Handeln erfolgt, das die (All-)Gemeinheit anregt und einschließt, hin sozusagen zu einer „Stadt der Commonisten“, wie ein Buch der Anstiftung München betitelt ist. Wir brauchen in Berlin keinen „Central Park“, sondern in der Tat ein offenes Feld, das – indem es auch für alle Arten gemeinwohlorientierte Bürger-Projekte offen ist – sich den Klimawandelfragen optimal stellt. Das „Haus 104“ als Haus der Eigenarbeit, Umweltbildung und Kommunikation, geschaffen von und in den Händen der Feldkoordinator*innen, ist diesbezüglich ein guter Anfang.

Darüber hinaus ist es Arbeit genug, den Politikern klarzumachen, dass die gerne besprochene „sozialverträgliche“ „Randbebauung“ alle Bürgerprojekte auf dem Feld und ihre gesamte zumindest tausend-stündige ehrenamtliche Arbeit zu Makulatur werden lassen würde: alle neugepflanzten Bäume würden fallen, kein Allmende-Garten bliebe, kein „Stadtacker“ und auch kein Schillerkiezgarten…

weiterlesen: Was macht eigentlich eine Feldkoordinatorin?

und hier auf dem wunderbaren Blog zum Feld: https://www.tempelhoferfeld.info/

und hier: Andrea Baier, Christa Müller, Karin Werner, Stadt der Commonisten – Neue Räume des Do it yourself, Bielefeld: Transcript 2015

Neues Gärtnern belebt das Land

Das neue Gärtnern, urban Gardening oder interkulturelles Gärtnern genannt, gibt es jetzt auch auf dem Land. Zumindest in der Dübener Heide, z.B. am aufgebenen Bahnhof von Bad Düben. Jede Woche am Mittwoch trifft sich die Gruppe des Gemeinschaftsgartens am Wasserturm hinter dem Bahnhof und zu tun gibt es immer genug. Nachdem im Sommer es ständig ums Gießen ging, ist man – genauer gesagt: hauptsächlich „frau“ – nun froh, eine gute Bohnen-, Kartoffel- und Kürbisernte erzielt zu haben. Am Ende dieser Gartentag wird fast immer gemeinsam gekocht und geschmaust. Kurzum: das gemeinschaftliche Gärtnern bestärkt als Variante einer geselligen gegenseitigen Umweltbildung zugleich die Idee von Ernährungsouveränität und Selbstversorgung und würdigt so gerade auch und besonders die Gärtner*innen auf dem Land. Dazu wird immer wieder auch die interessierte Allgemeinheit eingeladen. In Bad Düben bereitet die Gruppe jetzt – nachdem man ein wunderschönes Sommerfest hinter sich gebracht hat – zum 19. Oktober einen Workshop zum Wassersparen und Brunnenbau vor. Übrigens: dazu kann jeder kommen, den das Thema interessiert, Details auf der Website: https://naturpark-duebener-heide.de/gardening/ Ansonsten hilft die Gartengruppe, wenn es denn wirklich auch mal regnet, der Bahnhofsgenossenschaft Bad Düben, mit der der Garten eng zusammenarbeitet, beim Vorbereiten des Gebäudes für ein am 11./12. Oktober stattfindenes kleines Musikfestival. Auch dazu sind alle eingeladen, Eintritt frei. – Wie es zu den beiden Gemeinschaftsgärten in der Dübener Heide kam, das steht hier: https://naturpark-duebener-heide.de/wp-content/uploads/2019/09/Meyer-Renschhausen-E.-2019-Gemeinschaftsg%C3%A4rten-im-l%C3%A4ndlichen-Raum-und-ihre-Gelingensbedingungen-D%C3%BCbener-Heide-1.pdf

Klimastreik für Klimagerechtigkeit

„Smash Patriachy not the Climate“, „Auch wir Alten wollen die Welt erhalten“, „Verkehrswende jetzt – Esel für alle“, „Fischers Fritze Frisst Plastik“, „Ändert die Wirtschaft nicht das Klima“, „Die Erde ist stinksauer!“ Auf dem Berliner Klimastreik mit über 80.000 Menschen fehlte es nicht an phantasievollen Transparenten aller Art, 90 % davon von Schülerinnen und Schülern selbst ausgedacht und gemalt. Eine weltweite beeindruckende Demonstration, die zeigt, dass die Mehrheit – zumal die weibliche – anders denkt, als die gewählten Politiker meinen. Jene Politiker, die aus Angst vor der nächsten Wirtschaftskrise gegenüber den Konzern- und Finanzinteressen ständig kuschen. Und damit das Klima stören, indem sie so die arbeitsintensive biologische Klein-Landwirtschaft, das lokale Handwerk, die kleinen Betriebe besonders auf dem Lande – die in Wirklichkeit die meisten Arbeitsplätze stellen – systematisch benachteiligen. Mit anderen Worten: Perspektiven, Handlungsmöglichkeiten, Gesundheit und das generelle Wohlergehen ihres Wahlvolks riskieren. Besonders jenes der Menschen im Globalen Süden, die direkt oder indirekt so zu Klimaflüchtlingen werden. Jedoch werden alle, betonten die Ärzte auf der Kundgebung vor dem Brandenburger Tor, in Folge des Klimawandels vermehrt krank. Denn Gier, Wachstumsglaube und in Folge vermehrter Klimawandel setzt nicht nur die Erde in Brand, er bringt neben Umwelt und Tieren auch die Menschen körperlich wie seelisch aus dem Lot. Heute arbeiten hierzulande bereits mehr Menschen im Gesundheitswesen als in der Großindustrie…

Ein geglücktes Allmende-Fest

Tanzlindenfest im Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Die interkulturelle Musikergruppe Folkbär-Orchester spielte und spielte und spielte zwischen den charmant verwilderten Gemüsebeeten und die Besucherscharen tanzten mit. Der neue Vorstand des Gartens und einige weitere Helfer hatten ihr Bestes gegeben: die Tanzlinde hat nun ein Tanzbodengerüst, in das sie hineinwachsen kann. Eine Tanzlinde für den Gemeinschaftsgarten war der letzte Wunsch der Berliner Gartenaktivistin Gerda Münnich, die 2017 starb. Nach dem Gerüstbau und dem grandiosen Auftakt-Konzert der Folkbären mit sicher hundert Lauschenden ging es weiter mit der Jamsession. Von der Kerngruppe schälten die einen die Kartoffeln, Niels und Kristin brieten sie, wieder andere wuschen ab: Die Gärtner und ihre vielen, vielen Gäste genossen die fröhlich friedvolle Stimmung und blieben bis in den Abend: ein gelungenes Fest. Der Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor erwies sich als guter Gastgeber oder sagen wir: als sozusagen guter Allmend-Genosse, der nämlich sein besonderes (Garten-)Glück mit der Allgemeinheit teilt.  

Das Tempelhofer Feld als Gemeinheit

Fünf Jahre erfolgreicher Volksentscheid Tempelhofer Feld! Die große Freifläche bleibt den Berlinerinnen und Berlinern erhalten zu Erholung, Sport und Spiel und das gemeinsame Gärtnern. Wieso? Dank dem entschiedenen Bürgerengagement, das am 24. Mai 2014 den entsprechenden Volksentscheid durchsetzte. Staatssekretär Tidow von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Umweltschutz und Klima betont in seiner Keynote bei der Feier am neuen Bürgerhaus „Haus 104“, dass während dieser Koalition sicher keine grüne Fläche bebaut werden wird!

 

Aber den Bürgern ist das Misstrauen schwer auszutreiben, müssen sie doch gerade an diesem Wochenende erleben, dass die – aus Sicht des Denkmalschutzes offenbar – heilige Vorfläche vor dem Flughafengebäude für Autorennen sehr wohl benutzt werden darf, während die Tempelhomes der Flüchtlinge oder auch der Kinderzirkus davon nocht nicht einmal eine Ecke in Anspruchnehmen  durften. Und gab es da nicht auch gerade erst vor wenigen Wochen erneut den Versuch von entsprechenden Kreisen, den Volksentscheid von 2014 wieder in Frage zu stellen? Und das Feld bebauen zu wollen, statt endlich einmal den skandalösen Leerstand z.B. des Flughafengebäudes anzugehen?

„Eine Gemeinheit – also ein Ärgernis – war und ist das Tempelhofer Feld für alle, die dort lieber bauen wollen, anstatt die Freifläche in der jetzigen Form zu erhalten.“ kündigte die Stiftung Naturschutz ganz lustig eine entsprechende Radtour im Rahmen ihres „Langen Tags der Stadtnatur“ an.

Also, was ist eigentlich eine „Gemeinheit“, die im heutigen Sprachgebrauch eine so merkwürdig negative Bedeutung hat? Eine Gemeinheit ist das, was der Allgemeinheit gehört, ein ähnlich altmodisches Wort wie Allmende, common, commons oder el ejido. Während der Privatisierung der Allmenden während der Preußischen Reformen ab 1813 ( in England geschah das schon viel eher) verschwand mit dem sozialen „Institut“ der Gemeinheit  zunehmend auch der alte Wortsinn.

Der Name des Gemeinschaftsgartens Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld hat sozusagen Geschichte gemacht. Was Allmenden sind, wissen wir jetzt wieder. Allmenden sind genossenschaftlich verwaltete Gemeinheiten. (Bisher sagte man oft auch „Gemeingüter“, aber der Begriff ist unscharf, es geht ja hier um etwas, was sicher nicht verkauft werden kann.)

Allmende-Gärten in öffentlichen Parks sind seit der großen grünen Freifläche Tempelhofer Feld eine neue Selbstverständlichkeit. Aber noch immer sind am Südrand des Tempelhofer Feldes die wilden Gärten der Bahnlandwirtschaft „Neuköllner Berg“ oder jene der zweiten Kleingartenkolonie am Tempelhofer Damm gefährdet. Seitdem die Bundesregierung die 1995 Bahn privatisiert hat, gilt das Land, auf dem Bahnlandwirtschaften liegen als Privatland. Die Bahn verlangt von den Kolonien sogar, dass sie ihre Tore verschlossen halten sollen, obschon das Berliner Kleingartengesetz festlegt, dass Koloniegärten Spaziergängern immer offen zu stehen haben…

Die Privatisierung von Bahn, Post und der Bildung war eine große Enteignung der Allgemeinheit. Das Sprechen vom Tempelhofer Feld als einer Gemeinheit machen uns diese Form des Landgrabbings auf Kosten der Allgemeinheit zugunsten von ein paar – sagen wir es deutlich – Gierpötten in den Top-Etagen von Banken, Bahn und anderen Dax-Unternehmen bewusst. Eine Politik der Prävention des Klimawandels, des Natur- und Umweltschutzes ist mit solchen Herrschaften sicher nicht zu machen. Sie gehören samt ihrer Fürsprecher in den Regierungsparteien abgewählt.

mehr hier: Elisabeth Meyer-Renschhausen / Klaus Prätor, Landgrabbing, Allmendaufhebung  und „Reclaim the Commons“, in: Berliner Debatte Initial, 30. Jg. 2019, S.81-93  ( ISSN 0863-4564)