Land ohne Vieh. Amazonas im Trog.

Die Städter zieht´s aufs Land, jedoch ein Dorf mit einigermaßen lebendiger Umgebung zu finden ist nicht mehr leicht. Riesige Äcker veröden die Regionen und es gibt kaum noch Vieh auf den Weiden.  Immer mehr Dörfer sind einen Geräusch- und Geruchlichen Dämmerzustand geraten – ohne muhende Kühe oder blökende Schafe – seitdem die Politik mit struktureller Gewalt den letzten kleinen Bäuerinnen und Bauern die Exzistenz verunmöglicht. Auch der Tourismus, der sowohl den Bäuerinnen und Bauersfrauen als auch den LPG-Genossinnenen als Erwerbsalternative versprochen wurde, verschwindet sang- und klanglos aus den ausgeräumten Provinzen. Gegenden ohne Tiere, Vögel, Hecken und Feldraine, Bauminseln oder Wäldchen. Und dennoch will die europäische Politik weiterhin die bäuerliche Landwirtschaft zerstören.

Am 28. Juni 2019 nämlich haben sich EU-Kommission mit den Mercosur-Ländern (darunter Argentinien und Brasilien, mit denen eine verantwortliche Regierung gar nicht mehr verhandeln dürfte) auf ein weiteres Freihandelsabkommen geeinigt. Die EU-Kommission hat den Lateinamerikanern versprochen, dass wir Europäer noch mehr Rind-, Geflügel-und Schweinefleisch in uns reinstecken, unsere Kaffees oder Kuchen noch heftiger süßen, bloß damit der Rubel rollt. Wir  Europäer wären bereit, so heißt es im Abkommen, noch mehr Agrotreibstoffe zu beziehen oder noch mehr gentechnisch verändertes Soja für noch mehr Schweine kaufen, obschon unser Grundwasser schon jetzt an den überreichlichen Güllemengen krankt und der Soja-Anbau vielfach direkt auf Kosten des Amazonas-Waldes geht.

Auch für Milchprodukte ist die gegenseitige sogenannte „Marktöffnung“ vorgesehen, obwohl wir weltweit bereits genug Milch, Käse und Butter haben. Man ignoriert damit, dass man so direkt zur weiteren Abholzung des Amazonas-Regenwald beiträgt. Und immer mehr Kleinbauern und Selbstversorger Südamerikas in den Hunger treibt. Denn in den Mercosur-Ländern war besonders die Soja-, Zucker-und Fleischproduktion auf früher wie heute mit Gewalt angeeigneten Riesen-Haciendas immer schon einseitig auf den Export orientiert. Man betreibt hier heute eine absolut umweltschädliche industrielle Landwirtschaft. Der weltweit für den Erhalt eines erträglichen Klimas und als Pool der Artenvielfalt zentrale Amazonasregenwald wird gnadenlos geopfert, ohne jede Rücksicht auf unsere Gesundheit geschweige die kommenden Generationen. Die Menschenrechtsverletzungen, die im Zuge des Amazonas-Raubbaus geschehen, will man seitens der Politik so zusagen sehenden Auges nicht wahrhaben.

So stehen die Bauern in Europa vor großen Herausforderungen, denn sie sollen klimaverträglicher und tiergerechter produzieren, was ohne sorgfältige Arbeit mit entsprechenden Kosten auf den Höfen nicht zu machen ist. Und zugleich aushalten, dass die  Importe aus den Mercosur-Ländern zu einem Preisverfall für ihre Erzeugnisse führen werden. Diese Art von „Handelspolitik“, die weiterhin die ungleichen Produktions-, Umwelt-und Sozialstandards zugunsten der Agrarindustrie verschiebt, killt die Existenz von Bauernhöfen auf beiden Seiten des Atlantiks. Vertreter der bäuerlichen Landwirtschaft Europas fordern daher ihre Regierungen auf, dieses Handels-Abkommen im EU-Rat abzulehnen. Vielmehr  brauche Europa eine Handelspolitik für bäuerliche Erzeuger und faire und kostendeckende Preise für ihre Milch, ihr Gemüse oder Getreide. Denn längst sind die Menschen weltweit mehrheitlich an qualitativ hochwertigen, regional erzeugten Lebensmitteln interessiert, deren Herstellung weder auf Kosten des Klimas, des Tierschutzes oder der Artenvielfalt bzw. einem guten Leben in lebendiger Umgebung auch auf dem Lande geht.

Corona: lokal statt krankhaft global

Der Corona-Stillstand zeigt uns einmal wieder: unsere Lebensmittelversorgung muss zurück zu einer vornehmlich regionalen Versorgung. Die Lebensmittel einmal um den Globus zu schiffen oder gar zu fliegen, das kann in Krisen zu problematischen Engpässen führen. Nur eine schwerpunktmäßig regionale Lebensmittelversorgung sichert vor  kommenden Krisen einigermaßen ab, egal ob sie nun Corona-, Finanzmarkt-, oder Klimabedingt sind. Die Coronakrise zeigt zudem, dass es sehr wohl möglich ist, von heute auf morgen das ganze System anzuhalten und zu ändern. Dass wir so auch gegen den Klimawandel angehen können. Der Wandel muss aus dem urbanen Raum kommen, denn dem Land hat man das Mitspracherecht weitgehend genommen. Wenn in den Großstädten die Politik etwa via der öffentlichen Versorger auf eine nachhaltige Verköstigung umstellte, wäre das eine ernsthaft so zu nennende Politik der Nachhaltigkeit. Wenn also beispielsweise in einer Millionenstadt wie Berlin in allen Krankenhäusern, Schulen, Kindergärten sowie den Amts- und Parlaments-Kantinen vorrangig regionale Speisen angeboten würden, wären wir einen guten Schritt weiter hinsichtlich Angang des Klimawandels. Hunderte von Arbeitsplätzen in der Region wären gesichert und statt zuckersüchtig zu werden, würden die Kinder die natürlichen Aromen frischer Lebensmittel zu schätzen lernen. Die Kranken würden leichter gesunden und in den Ämtern und Parlamenten würde womöglich mit mehr klarem Geist und Mut regiert. Tatsächlich setzen sich seit einigen Jahren weltweit in immer mehr Großstädten Ernährungsräte dafür ein, Klimaverträglichere Kantinenangebote und Verzehrgewohnheiten zu fordern und fördern.

Es begann in den USA, wo in einigen Großstädten Aktivisten in „Food Councils“ sich seit den 1980er Jahren sich dafür einsetzen, gesundes Essen auch für arme Kinder und ihre Familien zugänglich zu machen. Von Schadstoffen unbelastetes Essen in die Schulkantinen, das heißt die Öko-Gärtner und Bauernhöfe der Umgebung zu fördern und ihnen mittels Bauernmärkten, Abnahmegarantieren und festen Preisen das Leben zu ermöglichen. Wichtig war neben der Wiedereinrichtung von Gemüsemärkten vor allem das Gründen von lokalen CSAs, Community Supported Agriculture Gruppen bzw. solidarischer Landwirtschaft. Das ist im Interesse aller, denn kurze Wege sind die Voraussetzung für frische Lebensmittel. Und das steht auch nicht im Gegensatz zu „bio“ – ganz im Gegenteil: eine nachhaltige, klimaverträgliche Landwirtschaft ist kleinräumig, weil naturfreundlich. Umweltbewusste Farmer kultivieren alte Sorten, weil diese regional angepasst sind. Sie ackern auf kleinen, durch Bäume und Sträucher eingefassten Feldern, weil das ein Mikroklima schafft, das gute Ernten garantiert.

Im Bändchen mit Ratschlägen aus der Ernährungsbewegung: „Genial lokal“, sind es vor allem die Beispiele aus aller Welt, die inspirierend wirken. Kopenhagen etwa beschloss im Jahr 2000 zu einer „Ökometropole“ zu werden und ist damit erfolgreich. Bereits jetzt stammen in etwa ein Fünftel aller in Dänemarks Hauptstadt verspeisten Lebensmittel aus ökologischem Anbau, vorzugsweise aus der Region. Kindergarten-, Schul- und Unikantinen gingen mit gutem Beispiel voran. Es zeigte sich, dass wenn Kantinen vermehrt Lebensmittel der Saison zubereiten, das Angebot an Fleischgerichten etwas reduzieren und vor allem auch versuchen, das Wegschmeißen zu vermeiden, klimaverträgliche Gerichte nicht teurer zu sein brauchen, als konventionelle aus Fertig-Menüs bzw. Ferngereistem aus aller Welt. Eine finanzielle Förderung durch die Kopenhagener Politik machte diesen Wandel möglich.

In den USA konnten die Food Councils wie etwa in Cleveland, Ohio für den Ernährungswandel sogar Flächennutzungspläne ändern und so vermehrt Urban Agriculture und Community Gardens in die Städte bringen. So wurde eine neue Ernährungskultur für Kinder, Jugendliche und Erwerbslose mit allen Sinnen erfahrbar. In Nordamerika entstand die neue Ernährungsbewegung deshalb zuerst, weil hier gleich nach Ende des II. Weltkriegs die Kriegsindustrie in den Agrar- und Logistiksektor umgemünzt wurde: Die Produktion von Panzern wurde auf die von Treckern umgestellt, aus den Giften für den Feind wurden Agrargifte. Ernährungsbedingte Krankheiten wie Allergien, Diabetes, Fettsucht, Herzkrankheiten etc. nahmen und nehmen unten der Armen rasend schnell zu und belasten die öffentlichen Haushalte. Da die Bundesregierungen wie die in Washington in der Zange von Industrie und Banken stecken, mussten die Kommunen selbst aktiv werden, erklärt Wayne Roberts, der jahrelang den Food Council von Toronto in Kanada leitete. Er machte den Kommunen klar, dass die Lebensmittelversorgung heute die meisten Arbeitsplätze bereit hält, es also in ihrem Sinne ist, sich hier zu kümmern…

Seit 2016 entstehen derartige „Ernährungsräte“ auch hierzulande: in Köln und Berlin und überall: von Aachen über Südtirol bis Zürich in zunehmend ganz Europa. Da, wo die Städte wie etwa Köln mit einer ersten Stelle für die Koordination den ehrenamtlichen Bürgerräten die Arbeit erleichtern, werden erste Erfolge bereits greifbar…

Valentin Thurn, Gundula Oertel, Christine Pohl, Genial Lokal – so kommt die Ernährungswende in Bewegung, Oekom Verlag München 2018, 283 S., 20,- €.

 

Essbare Stadt: Klein- zu Waldgärten?

Charlottenburg, bis 1920 selbständige Stadt am Rande Berlins, wird essbare Stadt! Genauer gesagt: es wird ein essbarer Bezirk. Und das auch nicht gerade als der allererste in Berlin, da gab es ganz andere als Vorreiter wie etwa Friedrichshain-Kreuzberg.

Wie auch immer: Zur Feier der erfreulichen Neuerung war die Auftakts-Veranstaltung im  großen Saal des Charlottenburger Rathauses bis auf den letzten Platz besetzt. Die Leute lauschten mit steigender Aufmerksamkeit den engagierten Bürgern, die an verschiedenen Ecken der großen Kommune Charlottenburg-Wilmersdorf es schon einmal ausprobiert haben. Die einen haben am Lietzensee ein kleines Bürgerhaus mit Café und vorbildlich bepflanzten Äckerchen eingerichtet. Und andere, wie etwa die Kleingartenkolonie „Am Stadtpark 1“ (heute Volkspark Wilmersdorf) haben die Parzelle am Vereinshaus für alle zugänglich gemacht und eine weitere für eine Kita und eine Schule geöffnet, die die nun mit steigender Begeisterung bepflanzt haben.

Am besten hat mir der Kleingartenverein Habsburg von der Gaußstraße gefallen, der sich einem geheimnisvollen „OFA“-Projekt verschrieben hat. OFA, das heißt, „Obst für alle“.  Es geht darum, einige Parzellen der kleinen Kolonie samt Allee in vorbildlich essbare Waldgärten zu verwandeln. Was ist ein Waldgarten? Ein Garten mit Bäumen, mit hohen Bäumen, die also Schatten spenden und das doch so in einer lichten Art und Weise tun, dass darunter – so wie im mehrstöckigen tropischen Urwald, wo die Kaffebüsche am besten unter den Kohlbäumen gedeihen – auch noch andere Sträucher und Pflanzen wachsen können. Neben mir raschelte ein älterer Herr mit seinen maschinengetippen Seiten und fügte hier und dort noch ein Wörtlein in sein ausformuliertes Manusskript ein. Um dann, als er endlich dran war, es – ohne auch nur einmal auf sein Manuskript zu schauen – überzeugend ins Publikum zu schmettern: „OFA“ macht zwar tüchtig viel Arbeit, sagte Dr. Krüger uns, aber vor allem noch viel mehr Spaß!  Obst für alle: Es ist einfach überzeugend, den Menschen zeigen zu können, wie die Pflanzengemeinschaften von essbaren Waldgärten für kühlere Luft und dennoch reiche Ernte sorgen können. Auf lange Sicht macht so eine Waldgartenabteilung im eigenen Garten weniger Arbeit als die ewig austrocknenden Sonnenbeete. Und die in den Städten zunehmend diskriminierten Hochstamm-Obstbäume hätten hier auch wieder eine Chance.

Am Langen Tag der Stadtnatur, am 25.5.2019, wird zwischen 15.00 bis 18.00 das Ganze an Ort und Stelle übrigens noch einmal genauer erklärt.

 

für Ernährungssouveränität mit Nyeleni

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„Wir wollen auf die Kleinlandwirtschaft als Kampfbegriff nicht verzichten“. Das hörte ich Januar 2018 bei der Projekte-Vorstellung in der Böll-Stiftung nach „Wir haben es satt“-Demo zum ersten Mal. Nun trafen sich 200 meistens junge Kämpfer~innen für das Recht auf Ernährungssouveränität. Gärtnerinnen, Studentinnen, Bäckerinnen und Kleinbauern und andere Food-Aktivisten wieder. Sie luden ein zu einem ersten regionalen Nyeleni-Treffen für deutschsprachige Raum Anfang Dezember 2018 in Freiburg, Schweizer, Österreicher und Südtiroler dabei. – Bäckerin Anke aus dem Hannoverschen war von dem Treffen beeindruckt. Auch wenn es aus ihrer Sicht etwas wenig Verarbeiter dabei waren. Besonders begeisterte sie die Arbeitsgruppe Technik für Agrarökologie von den Freiburger „Agronauten“. Einfache (Acker-)Geräte u.a., deren Baupläne von den Entwicklern ins Internet gestellt werden, die jeder nachbauen und reparieren kann. „Da muss der Bauer nicht erst Ingenieur werden, um seine Geräte reparieren zu können!“ Hier vielmehr geht’s um Technik als open source. In England und Frankreich sind die entsprechenden Gruppen schon gut etabliert. Denn es sei so viel an einfacher Technik verschwunden. Als kürzlich einige Bauern hier wieder Hirse anbauen wollte, mussten sie feststellen, dass in der ganzen Republik keinen mehr gibt, der noch Hirse schälen kann.  Aber es sind kleine Techniken wie Bauern-Bäcker-Mühlen die finanzierbar sind  und die Kreisläufe klein halten. Zu große Anfangsinvestitionen hingegen verunmöglichen kleinere Betrieb neu einzurichten.

Der Kongress begann mit einer öffentlichen Abend-Veranstaltung im Audimax der Freiburger Universität: „Essen. Macht. Glück,“ zur Forderung nach Ernährungssouveränität für die anstehende Transformation. Am zweiten Tag wurde via Exkursionen die vielfältige Agrarszene von Freiburg und Umgebung vorgestellt bis hin zu den Saatguterhaltenden Gärten im Kaiserstuhl. Freiburger Gemeinschaftsgärten arbeiten erfolgreich mit Flüchtlingen… Am nächsten Tag berichteten die teilweise von weither angereisten Tagungsteilnehmer sich begeistert gegenseitig davon.

Am dritten Tag ging es in der Turnhalle und einigen Klassenräumen in einer Waldorfschule „theoretisch“ weiter, d.h. es wurde in Kleingruppen zu unterschiedlichen Themen gearbeitet. Es ging es um Themen wie „Ernährungssouveränität gesetzlich verankern“, „Saatgut als Allmende“  oder den Zusammenhang zwischen Klima und Ernährungsweise. Was können Ernährungsräte für die kleinbäuerliche Landwirtschaft tun? war eine andere Frage etc. etc. Im Hintergrund wurde mit regionalen Produkten vegan gekocht“.  Brot aus Sauerteig, Bärlauchmargarine, Linsen-Pesto und Früchteriegel ohne alle Chemie- und Zucker-Zusätze, ausschließlich aus fair gehandelten, ökologischen Beeren und Datteln.

Die Agronauten organisierten auch eine Arbeitsgruppe „access to land“ und hatten Referentinnen aus mehreren Ländern dazu geladen. Denn Europaweit sind die meisten Bauern über 50 und stehen vor keiner geregelten Hofnachfolge. Die wenigsten kommen von allein darauf, ihren Hof jenen jungen Agrar-Studierenden anzubieten, die keinen Hof erben werden. Dafür braucht es Vermittlergruppen, die sogar anonym arbeiten müssen, damit vor einer ev. anstehenden Hofübergabe die Nachbarn nicht sofort versuchen, das Land zu übernehmen.Meike aus Bern arbeitete über Jahre an einer Erhebung zur Landwirtschaft in Europa. Sie erinnerte daran, dass nicht nur in der ganzen Welt sondern auch in Europa, das meiste Essen von kleinbäuerlichen Höfe stammt, dass in Rumänien 70 % der Höfe unter 5 Ha groß  sind und generell auch in ganz Europa die Durchschnittsgröße der Höfe bei gerade mal 14 Hektar liegt.

Biobauer Wolfgang berichtete von der Landlosenbewegung in Brasilien, die er seit Jahrzehnten unterstützt, die erfolgreich mithilfe der Gesetze über Hunderte von Hektar unter die Hacke nehmen konnten, jedoch durch die neue Regierung wieder gefährdet sind. Meike aus Bern arbeitete über Jahre an einer Erhebung zur Landwirtschaft in Europa. Sie erinnerte daran, dass nicht nur in der ganzen Welt sondern auch in Europa, das meiste Essen von kleinbäuerlichen Höfe stammt, dass in Rumänien 70 % der Höfe unter 5 Hektar haben und generell in ganz Europa die Durchschnittsgröße der Höfe bei gerade mal 14 Hektar liegt…

Weiterlesen in der „Bauernstimme“ Nr.1 /2019, S. 20

und hier: http://nyeleni.de/kongress-fuer-ernaehrungssouveraenitaet/

Agrarwende zum Erntedankfest

Grünschwarze Bandnudeln aus Algen, salzige Schokolade mit 98%igen Kakao-Anteil, Köche, die auch das Grüne der Karotte mitkochen, Fischer, die den Beifang verwerten und Fleischer mit ausschließlich handwerklich verarbeiteter Wurst, das war das „Stadt – Land – Food“-Festival rings um die Markthalle Neun in Kreuzberg. Dazu kamen z.B. auf einem der vielen Podien junge Bäuerinnen und Gärtnerinnen aus den Philippinen, Kenia und die Oderbruch, die berichteten, wie sie selbst den Weg zurück in den Landbau fanden. Jane berichtete beispielsweise aus Kenia wie und warum sie mit Freunden einen Biogarten betreibt und Saatguttausch-Treffen organisiert. Der von den Rettern der Markthalle 9 ausgerichtete zweitätige Austausch-Markt „Stadt – Land – Food“ war ein inspirierendes Treffen von Hunderten von Essensaktivsten und Kreativunternehmern aus sprichwörtlich Nah und Fern. Natürlich überwogen unter den Marktstandbetreibern jene aus der näheren Gegend – manche von ihnen sind an bestimmten Tagen sogar auch sonst in der Markthalle Neun zu finden. Zum ersten Mal stand „Stadt –Land – Food“ unter der Schirmherrschaft eines Senators, dem Senator für Verbraucherschutz, Dr. Dirk Behrendt, der in Zusammenarbeit mit dem Berliner Ernährungsrat eine Ernährungsstrategie für Berlin auf den Weg bringen möchte. Gerade die Woche zuvor hatte der Berliner Ernährungsrat erfolgreich die „Regio-Woche“ durchgeführt: hier war mit Hilfe von zahlreichen Berliner Akteuren und Brandenburger Biohöfen und anderen Gruppen 170.000 Biomahlzeiten an den Berliner Schulen ausgegeben worden und zwar nahezu ausschließlich aus der Region. Nun muss nur noch die Brandenburger Landwirtschafts-Politik mit ins Boot geholt werden, die hinsichtlich der Förderung der arbeitsintensiven Biolandwirtschaft in den letzten Jahren – gelinde ausgedrückt – versagt hat. Aber auch die Berliner könnten sich besser um ihre landwirtschaftlichen Flächen kümmern, sind doch bisher manche Biohöfe im Stadtgebiet buchstäblich abgesoffen, weil die Bezirke beispielsweise die Gräben nichtmehr gepflegt haben. Heute muss jeder Quadratmeter kultivierbaren Landesfür eine Klima- und Zukunftsverträgliche Landwirtschaft bewahrt werden.
Nur die kleineren und handwerklichen Betriebe, ob auf dem Acker oder in der Werkstatt, stellen die Beschäftigungs-Möglichkeiten resp. Arbeitsplätze, die vergleichsweise krisenfest die Grundbedürfnisse der Städter auf die Dauer befriedigen können, betont der Rinderhalter David Peacock von der Müritzer Seenplatte. Oder um es mit dem Landwirt Rudolf Bühler aus Wolpertshausen zu sagen: „Es gibt uns Bauern Mut, dass sich mitten in Berlin in der Markthalle Neun, ein Nukleus fur die Good Food Bewegung entwickelt. Hier entstehen die wichtigen gesellschaftlichen Bewegungen für eine bessere und lebenswerte Zukunft, für den korrekten Umgang mit den natürlichen Ressourcen, mit unserer endlichen Welt.“ Das lustigere Leben bietet der klimaverträgliche Landbau allemal, das zeigte am gleichen Wochenende das Erntedankfest im Berliner Gemeinschaftsgarten Rosenduft, wo fröhlich geschnattert, gespeist und gesungen wurde. https://stadtlandfood.com/

Sommercamp der Gemeinschaftsgärten

Die Interkulturellen Gemeinschaftsgärten trafen sich zu ihrem alljährlichen Vernetzungstreffen resp. Sommercamp diesmal im Garten Neuland in Köln. Am ersten September-Wochenende führte bei schönstem Wetter interessante Spaziergänge, Radtouren oder auch solche mit der Straßenbahn zu den verschiedenen Gartenprojekten der Millionenstadt am Rhein. Die Stadt Köln unterstützt die Gärten im Rahmen der Idee „essbare Stadt“ und die Kölner Gemeinschafts-Gärten waren maßgeblich daran beteiligt, den Kölner Ernährungsrat mitzugründen.
mehr siehe hier http://www.neuland-koeln.de/ und hier: https://anstiftung.de/

Liebe geht durch den Magen: Bauern fördern!

Es war ein Fest: All´ die Engagierten aus allen Teilen der Republik und aus lange verstrichenen Konferenzen und Zusammenhängen wieder zu sehen – in alter Frische und mit immer noch ungebremstem Engagement. Junge und alte vielfältig Aktive hatten die lustigsten Sprüche erfunden und Schilder gemalt, die sie nun tapfer in die Luft hielten: wie etwa „Liebe geht durch den Magen“ oder „Bauer sucht Biene“ oder giftiger: „Weil Du bist, was Du isst: Fresst doch selbst Euren Mist!“ Es gab auch mehr ernsthafte Forderungen auf den Transparenten wie etwa „Gerechte Preise für Milcherzeugnisse“, „Wer TTIP sät, wird Tierfabriken ernten“ oder mehr auf die Not der Landwirte im globalen Süden orientiert: „KleinbäuerInnen fördern – Landraub stoppen!“ oder „Rechte von Bauern und Bäuerinnen stärken – für eine UN-Kleinbauernerklärung!“ Die wunderbaren Gartenaktivisten kamen mit einem so großen Banner, mit dem sie forderten, die mit so viel Engagement und Liebe begärtnerten Freiräume zu erhalten, dass es schier unfotografierbar war. Besonderen Jubel erzielten die Klima-Aktivisten von „Ende Gelände“ als sie von einem Rohbau ganz in der Nähe des Wirtschaftsministeriums ein riesenhaftes Transparent mit der einleuchtenden Forderung „Grünkohl statt Braunkohle“ herunter lassen konnten. – Nach der Demo gab es zum „Supp´n Talk“ wie schon in den Jahren vorher einen fast vierstündigen Maraton mit der jeweils 5-minütigen Vorstellung einiger der besten Projekte aus der Bundesrepublik Deutschland und ganz Europa. Besonders begeisterte der Bericht aus Frankreich, wo man auf dem besten Wege ist, die Ackergifte der konventionelIen Landwirtschaft ganz zu verbieten. Ebenso erfreute die Nachricht, dass auf Grund des internationalen Engagments der externe Landaufkauf resp. das Landgrabbing in manchen Ländern des Südens vorerst beendet werden konnte. Junge Aktive von La via Campesina u.a. traten für die Rechte der Kleinbäuerinnen des Südens ein und vertraten die Idee, diesen Begriff als quasi eine Art „Kampfbegriff“ beizubehalten. Auch der Report der „AG Kleinstlandwirtschaft“ mit ihren Konferenzen, Büchern und Gemeinschaftsgärten stießen auf ein erstaunliches Interesse und viel Zuspruch… (hier der Beitrag als pdf.)

Gemeinsam Ackern in Allmenden

Ein sonnendurchfluteter Jugendstilhörsaal mit knarrenden Bänken: Farida Akhter aus Bangladesh singt die Lieder der Kleinbäuerinnen von Nayakrishi Andolon. Edie Stone erzählt vom Verteidigungskampf der Community Gardeners in New York City und Brigitte Vogl-Lukasser aus Wien über die Hausgärten als Wohnzimmer der Mayas. Bauer Christian Hiß berichtet in kaum verständlichem Alemannisch von seinem Gemüsegarten am Kaiserstuhl und Krankenpfleger Wolfgang Eisenberg von seinem Nebenerwerbshof im Wendland. Im Hintergrund erzählen die Fotos von den Internationalen Gärten in Göttingen…

Als im Jahr 2000 in Berlin an der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät die Konferenz „Kleinstlandwirtschaft und Gärten in Stadt und Land als weibliche Ökonomie“ stattfand,sollte mit dem Terminus „weibliche Ökonomie“ auf die Zuständigkeit von Frauen für Überlebens- und Krisenwirtschaften hingewiesen werden. Damals ahnte niemand, dass das Thema nur ein Dutzend Jahre später unten dem Label Urban Gardening zu einem Medienhype werden würde. Keine von uns hätte damals gedacht, dass Berlin fünfzehn Jahre später – wohl nur für einen kurzen Moment der Geschichte – zu einer Art europäischer Hauptstadt der Gemeinschaftsgärten avancieren würde.

Zur Jahreswende 2003/2004 wurde als Ergebnis einer Tagung in Berlin-Köpenick die Stiftung Interkultur mit dem Ziel geschaffen, die Gründung „Interkultureller Gärten“ voran zu treiben. Zugleich entstand nach dem Vorbild der 1996 in Göttingen gegründeten ersten „Internationalen Gärten“ ein interkultureller Garten in Berlin-Köpenick. Die deutschen Medien berichteten seit 2009 zunehmend über interkulturelles Gärtnern und städtischen Gemüseanbau. Artikel wie „Kräuter gegen die Krise“ oder „Gurken statt Kapitalismus“ passten zur Tatsache, dass in den USA die Gattin des eben gewählten neuen Präsidenten, Michelle Obama, nach Aufforderung von Slow Food und amerikanischen Community Gardeners in ihrem Hausgarten am Weißen Haus in Washington einen Gemüsegarten einrichtete, in dem sie zusammen mit den Schulkindern der benachbarten Bancroft-Grundschule gärtnert. Als im gleichen Jahr mitten in Berlin-Kreuzberg die Prinzessinnengärten gegründet wurden, war die Zeit jedenfalls reif für ein solches Projekt. Plötzlich interessierten sich alle für das neue Gärtnern in Kisten. Die Prinzessinnengärten wurden über Nacht zum Medienstar… Bals verzeichnete eine Berliner „Gartenkarte“ nahezu hundert neuere Gemeinschaftsgärten bzw. Projekte der urbanen Landwirtschaft im engeren Sinne.

Auch das im April 2011 auf dem Tempelhofer Feld entstandene „Allmende-Kontor“ ist zusammen mit den anderen Gemeinschaftsgärten dort zum absoluten Medienstar geworden, es wird wieder und wieder abgebildet, meistens, ohne das Ross und Reiter  genannt würden. Im Buch „Urban Gardening in Berlin“ (BeBra verlag Berlin 2016) sind die meisten dieser grünen Erzeugnisse von Berliner Bürgerengagement. sozusagen mit vollem Namen sowie Kontakt- resp. Lage-Adresse geannt. Das Allmende-Kontor ließ das verregnete Garten-Jahr mit einem gemeinsamen Kompostworkshop, einem tapferen Smoothiemachen per Rad und einem feierlichen Zeltdachabbauen zu edlem Fruchtpunsch ausklingen…

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Kleinlandwirtschaft als Sozialpolitik

In immer mehr Städten der Welt werden kommunale Landwirtschaftsprogramme aufgelegt. Um die lokale Bevölkerung vor Hunger zu bewahren oder ihr die Möglichkeit zu geben, sich aus eigener Hände Arbeit selbst ernähren zu können. Durch den Verkauf der Überschüsse auf den lokalen Gemüsemärkten tragen die Stadtbauern zur Versorgung der Bewohnerschaft des entsprechenden Quartiers mit frischem Gemüse bei. Positive Beispiele sind Rosario in Argentinien, Quito in Ecuador, Nairobi in Kenia und viele andere mehr, wie eine „Urban Farming Konferenz“  in Berlin im September zu Tage  brachte.

Tatsächlich ist die Förderung von Kleinlandwirtschaft als sozialpolitischer Maßnahme in Zeiten von Dauerkrisen mit geringem Lohnniveau oder hoher Erwerbslosigleit nichts Neues in der Geschichte. Vielmehr hat es die staatliche Förderung von „individueller Hauswirtschaft“ überall im sozialistischen Osteuropa gegeben. Das war u.a. in der ehemaligen DDR der Fall, als die „private Hauswirtschaft“ die LPG-GenossInnen motivierte, auf dem Land und im Dorf zu  bleiben. Heute wählen ländlich geprägte Regionen reihenweise Protestparteien, weil ihnen eine sinnvolle Tätigkeit abhanden gekommen ist. Angesichts dessen, dass die Regionen zudem infolge der Abwanderung der Jugend mit den Menschen die Lebensqualität verlieren, wäre es wohl angebracht, über Landwirtschaftspolitik als Sozialpolitik erneut nachzudenken. Im Deutschlandarchiv, Heft 4, Jahrgang 2005, 607-612 habe ich einen Überblick zur Politik der Kleinlandwirtschaft vor 1989 verfasst.

Meyer-Renschhausen, Elisabeth (2005) Kleinstlandwirtschaft in der Regionalpolitik

Vom Hüten von Herden und der Erde

Commons oder Allmenden sind „Gemeinheiten,“ gemeinsames Land, auf dem etwa Dorfgesellschaften ihre Tiere hüteten. Bis ins 20.Jahrhundert hinein beschäftigten die Bauern dafür gemeinsam einen Hirten. In anderen Teilen der Erde ist das Hirtenwesen eine Lebensform, die die Menschen ernährt. Eine Herde zu hüten ist im modernen Sinne sozusagen eine Arbeit, auch wenn die Hirten das wohl kaum so sehen würden. Ähnlich wie Haus- und Subsistenzarbeiten Tätigkeitsformen sind, die von der Nationalökonomie ignoriert werden. Jedoch sind Allmenden und Allmende-typische Arbeiten in der Geschichte verschwunden und auch wieder neu entstanden, wenn die Umstände es erzwangen. Heute ist die Lage der Hirten in Afrika allerdings dramatisch. Es ist die Frage, ob wir uns diese Bedrängnis der Pastoralisten im Zeitalter des Klimawandels eigentlich leisten können.

Ein gewisses Wiederauftauchen der Gemein- und Hirtenwirtschaft gab es etwa nach der großen Pest 1348 im Languedoc. Weil hier die Bevölkerung halb ausgestorben war, kehrten die Bauern zu vermehrter Tierhaltung zurück. Oder: nachdem zwischen 1650 und 1800 in England das meiste ehemalige Gemeindeland eingehegt war, entstanden in den Alpen ab 1810 das Hütewesen auf hoch gelegenen Gemeindeländern, den Almen, neu. Senner hüteten die Tiere über die Sommermonate im Auftrag der Allmend-Genossen. Und nachdem in Mittel- und Zentral-Europa nach dem I und II. Weltkrieg infolge von vermehrten Grenzkontrollen die Wanderschäferei fast ausgestorben war, zogen ab der 1980er Jahre junge Arbeitslose aus der Schweiz, Österreich, Frankreich und Deutschland (u.a. von Longo Mai) mit Schafherden über kommunale Ländereien, sogar Ländergrenzen und Alpenpässe… Allerdings wurden mit Gründung der WTO zum 1.1.1995 das Privatisieren und das Spekulieren mit Grund und Boden weltweit in einem Maße ermöglicht, wie man es bisher nur aus der Zeit des brutalen Manchester-Kapitalismus vor dem I. Weltkrieges gekannt hatte. Dennoch gelang es einer Berliner Bürgerinitiative im Mai 2014 mittels eines Volksentscheides das Opfern eines ehemaligen innerstädtischen Flughafens, des Tempelhofer Feldes, an die Bauindustrie zu verhindern…

Heute sind weltweit die meisten Allmenden und Gemeindeländereien gefährdet. Das viel zu viele Geld, das durch Steueroasen und Finanzblasen geschaffen wurde, wird erst durch Investition in „real estates“ sozusagen „real“. Das bedroht den Lebensunterhalt der kleinen Bauern und Hirten besonders Afrikas. Bis heute dienen dort Allmenden Bauern und Hirten als Acker- und Weideland. Individualbesitz von Grund- und Boden war  z.B. in Mali, Elfenbeinküste, Burkina Faso, Äthiopien etc. bis vor kurzem fast unbekannt. Besonders Hirten geraten unter Not, wenn ihre Weidegründe infolge von Privatisierungen, Staudammbauten, Kriegen, Wild Life Sanctuaries oder Klimawandel verschwinden.

Am 4. August 2017 war in der New York Times zu lesen, dass Kenia am Fuße des Mount Kenia, die Bauern von Lakipia von der Hirtenbevölkerung bedroht und ausgeräubert würden. In Nadunguru treiben die Hirten ihre darbenden  Rinder auf die Äcker der Landwirte und Bauern, und sogar auf die Äcker armer Klein-Bauern. – Dabei weiß man es seit Jahren, dass die auch etwa die Wilderer sich – als Handlanger von Fremden – oft aus ehemaligen Hirten rekrutieren. Denn seit Jahrzehnten bereits sind die Pastoralisten im Norden Kenias Opfer von Kriegen und Klimawandel, der derzeit durch den El-Nino-Effekt verstärkt wird. Das führt zu Hungersnöten unter den Hirten wie etwa den Turkana vom Turkana-See, die Fischer werden müssen. Blumenfarmen und andere Export-Landwirtschaft graben im Süden Kenias auch den Massai  das Wasser ab. Ihre Weiden fallen trocken, weil das Wasser ihrer Flüße bereits am Oberlauf abgezweigt wird.

Bis heute leben etwa 80 % der Afrikaner von ihrer Landwirtschaft. Industriearbeit gibt es kaum und andere Erwerbsmöglichkeiten nicht in ausreichendem Maßstab. Die meisten bearbeiten Land, das traditionell denjenigen zugeordnet wird, die es bewirtschaften. Traditionell gehört es keinem Einzelnem, sondern einer Dorfgemeinschaft oder einem Clan. Es wird als Kollektivbesitz als Land der Vorväter und der Enkel betrachtet. In der Forschung wird dieses Gewohnheitsrecht allerdings wenig berücksichtigt. Von 200 Aufsätzen über Boden- und Landrecht in Afrika meinte ein Experte aus Mali, würden sich nur zwei mit dem Gewohnheitsrecht befassen.

Problematisch wird es, wenn Regierungen wie 2013 die von Äthiopien, das Land, das bisher als Volkseigentum galt, zu Staatsbesitz erklären, um anschließend große Teile davon für 99 Jahre verpachten zu können. Im Westen Äthiopiens verloren so ganze Dörfer, die bisher von einer Mischung aus Ackerbau, Viehhaltung sowie Sammlen lebten, ihren Lebensunterhalt. Die neu errichteten zentralen Ansiedlungen nützen nichts, weil die Menschen dort keinen Broterwerb finden. Die neuen Großgrundbesitzer arbeiten mit Maschinen und.zahlen einen Lohn, der weit unter dem zum Leben Notwendigen liegt. Diese neue Not führt in Äthiopien, Kenia, Burkina Faso, Mali zu vermehrten Zusammenstößen zwischen Vielhaltern und Bauern, die sich das übrig gebliebene rare Land teilen müssen. Da die Hirten seit Ende des Kalten Kriegs mit Kalaschnikows statt mit Speeren bewaffnet sind, führt das zu wachsender Gewalt und Vertreibungen.

Solange die Böden als Kollektiveigentum betrachtet wurden gab es friedliche Regelungen hinsichtlich der Bodennutzung. In Burkina Faso regelte in den Dörfern ein „Chef der Erde“ die Landverteilung, nach Tradition, Bedarf und Familiengröße. Flüchtlinge bekamen Land zur Selbstversorgung. Sobald die Bauern eines Dorfs ihre Felder abgeerntet hatten, wurden die Felder den Hirten zur Nachnutzung überlassen. Die Tiere fraßen Stoppeln, Strünke und düngten den Boden. Sobald jedoch im Umkreis der Städte die Privatisierungsprozesse einsetzten und Zäune gesetzt wurden, war das nicht mehr möglich. Mit der Einhegung der Allmenden verlieren die meisten Hirten ihre Existenzen. Sogar der gut gemeinte Natur- und Landschaftsschutz kann auf ihre Kosten gehen. In Nairobi weiden die rot gewandeten Massai ihre Herden auf den Mittelstreifen der  Ausfallstraßen. Ihre traditionellen Weidegebiete sind als Nairobi-Nationalpark für Elefanten, Büffel und Nashörner eingezäunt worden. Die Massai, die mit ihren Sprüngen, Speeren und Tieren vom Tourismus eine Art Wahrzeichen des Landes sind, werden um ihre Lebensgrundlage gebracht. Für die großen Grasländer der Erde ist jedoch die Weidewirtschaft durch Hirten die beste Form ihres Erhalts. Durch Beweidung bleibt die Grasnarbe dicht. Die darüber wanderenden Tiere trampeln zudem die Bodendecke zusammen, so daß Stürme kaum Angriffsmöglichkeiten haben..

In Westafrika beweiden Fulani die Trockenzonen des Sahel- und Sudangürtels.Die Rinder gehören den Männern, aber die Milch gehört den Frauen. Der Milch-Verkauf bringt den Familien Geld-Einkünfte. Aber die Europäische Union verwandelt im Rahmen ihrer aggressiven Agrarpolitik überschüssige Milch in Milchpulver. Und subventioniert den Export des Pulvers. Daher kostet das Milchpulver in Burkina Faso weniger als die Hälfte der einheimischen Milch. Das Land hat heute 18 Millionen Einwohner. Die Jugendarbeitslosigkeit ist groß. Auch Universitätsabgänger finden vielfach keine Anstellung. Die meisten Städter arbeiten im informellen Sektor und verdienen kaum genug zum Leben. Die Lebensmittelunruhen von 2007/8 richteten sich gegen die Auswirkungen der sogenannten Sparpolitik. Die Lebensmittelpreise waren infolge der Weltfinanzkrise auf das Doppelte gestiegen.

Der Gründer der „Fairen Milch“ von Belgien, Erwin Schöpges, bemüht sich daher um die Einführung der Idee „Faire Milch“ auch in Burkina Faso. Bei der Eröffnungsfeier in einer Molkerei am Rande der Sahelzone, warnte der Vorsitzende des Verbandes der Kleinmolkereien vor den Auswirkungen der Zerstörung der einheimischen Landwirtschaft durch Weltmarkt-Firmen. Die Hinwendung zum Terrorismus, unter dem die Menschen besonders in den Nachbarländern Nigeria und Mali leiden, erfasst  besonders junge Viehalter ohne Lebensgrundlage. Hirten betrachten ihre Viehhaltung nicht als Arbeit. Aber wenn man ihnen die Möglichkeit dazu nimmt, bringt man sie um ihren Lebensunterhalt. Mit Ihrer Lebensweise verlieren sie Bescheidenheit und Stolz und wenden sich den Boko Haram oder anderen Fundamentalisten zu. Die Tuareg der Sahara etwa verbündeten sich mit dem islamischen Terror und merkten zu spät, mit wem sie sich da verbündet hatten.

Landraub und Vertreibung von Bauern und Hirten von ihren Feldern ist eine Haupt-Ursache für den nicht abbrechenden Flüchtlingsstrom nach Europa. Der Vorgang des Landgrabbing findet auch im Norden statt. Die in den Parks Schlafenden oder die osteuropäischen Musikanten sind Flüchtlinge der äußerst brutal ablaufenden Privatisierungsprozesse im Osten Europas. Aber es entstehen auch neue Formen einer gemeinsamen Landwirtschaft. Winzige, aber überzeugende Beispiels sind etwa die „Bauerngärten“ in den Landschaftsschutzgebieten von Berlin. Oder das „Speisegut“ in Gatow als erste solidarische Landwirtschaft Berlins. In beiden Modellen tragen alle Konsumenten das Risiko gemeinsam mit den Landwirten. Wenn die Ernte schlecht wird, gibt es halt für alle etwas weniger Gemüse… Oder nehmen wir das Stadtgut Blankenfelde ebenfalls in Berlin. Hier sind die Gebäude des ehemaligen Guts mittels unzähliger freiwilliger Arbeitseinsätzen an Samstagnachmittagen gerettet worden. Das Gelände steht Spaziergängern offen, im Gemeinschaftsgarten dürfen auch Nachbarn mitbuddeln und es gibt Versammlungsräume für Konzerte, Vorträge, Lesungen und Ausstellungen aller Art. Gemeinsam schuf eine Gruppe eine für alle benutzbare Allmende. Und inmitten Berlins wurde das Tempelhofer Feld im Mai 2014 für den Klima-, Natur- und Landschaftsschutz gerettet – mitsamt ihren offenen Allmende-Gärten. Fehlen sozusagen nur noch die Schafe, die zu einer traditionellen Bewirtschaftung von Allmenden dazu gehören, als Landschafts- und Klimaschützer…Besonders eine maßvolle Wanderweide-Wirtschaft schützt Grasländer vor Verwüstung.