Regenwaldzerstörung dank Palmöl

Kein Öl ist derartig effizient wie das Palmöl – wenn man die Folgeschäden ignoriert. Klima- und soziale Schäden, die Folge des Abholzens der ursprünglich an Stelle der Palmplantagen wachsenden Regenwälder sind und auf Kosten der Waldgarten-Bauern  der Region und der ganzen Welt gehen. Die beiden Biologen Frauke Fischer und Frank Nierula geben in ihrem Buch „Palmöl-Kompass“ einen sachlichen Überblick über die Umweltfolgen des Palmöl-Anbaus. In den ersten Kapiteln erklären sie, wie es dazu kam, dass die afrikanische Ölpalme, Elaeis guineensis, zu der heute weltweit am meisten angebauten Palmenart wurde. Im Gegensatz zu anderen Öl-Pflanzen liefert sie nach vier Jahren über 20 Jahre hinweg einen anhaltend hohen Ertrag. Dafür braucht sie allerdings tiefe Böden, eine immense Wasserzufuhr und ein tropisch warmes Klima. Nach der Ernte müssen die Früchte sofort verarbeitet werden. Die Ölpalme liefert Öl aus dem orange-gelben Fruchtfleisch sowie das Palmkern-Öl des farblosen Inneren des Kerns. Sogenannter Biodiesel aus Palmöl ist bei den (Erd-)Öl-Firmen gern gesehen, weil er deutlich länger als anderes hält. Das weiße Palmkern-Öl hingegen ist in der Küche und der Kosmetik-Industrie beliebt, weil es aufgrund seiner vielen gesättigten Fettsäuren viel länger als andere Fette hält. Es wird daher gern zum Kochen und Backen bzw. Stabilisieren von Kosmetika benutzt.

Vor etwa 20 Jahren beschlossen die Europäer den Klimawandel begrenzen zu wollen, indem sie auf „nachwachsende Rohstoffe“ setzten. Diese wollten sie ausgerechnet aus den Regenwäldern der Erde beziehen. Sie bedachten dabei merkwürdigerweise nicht, dass das Abholzen der immergrünen Regenwälder ökologisch außerordentlich schädliche Folgen für das gesamte Welt-Klima hat. Beim Abbrennen von tropischen Wäldern werden Klimaschädliche Gase die bisher im Waldboden gebunden waren in hohem Maße frei. Nur wenn neue Palmölplantagen ausschließlich auf ausgelaugtem Weide-Land angelegt würden, hätten sie einen für das Weltklima positiven Effekt. Hingegen hat es, wenn man einen intakten Urwald abholzt, um darauf Monokulturen anzulegen, keinen das Klima schützenden Effekt. Zumal dann nicht, wenn die Böden der Ölplantagen zwecks „Effizienz“ mit Agrargiften behandelt werden, deren ökologischer Fußabdruck ebenfalls beachtlich ist. Besonders Regenwälder auf Torfböden speichern die 50fache Menge an CO2 als andere Kulturen. Um den negativen Effekt den das Abholzen der Regenwälder hat kompensieren zu können, müssten solche Palmölplantagen 80 Jahre in Betrieb sein. Sie sind in der Regel aber nur 30 Jahre zu beernten. Wenn für eine Öl-Plantage sogar uralte Dauer-Torfböden entwaldet und entwässert werden, wie auf Borneo vielfach der Fall, müsste eine Öl-Plantage über 400 Jahre in Betrieb bleiben, um den entstandenen Klimaschaden kompensieren zu können. Die Idee des Klimaschutzes via Palmöl ist also illusorisch.

Der inhumane Effekt des Regenwaldabholzens ist zudem, dass die Einheimischen, die meisten Klein-Bäuerinnen und -Bauern, mit ihren Wäldern und ihren Ländereien auch ihren Lebensunterhalt verlieren. Einige von ihnen, deren Anbauflächen von den Konzernen illegal oder nach massivem Druck übernommen und abgeholzt wurde, versuchen als Arbeiter*innen ihr Geld zu verdienen. Auf den Plantagen erhalten sie aber nicht genug Lohn, um davon leben zu können. Auch Kleinbauern, die auf Palmölanbau umstellen, erhalten nicht genug für ihre Palmnüsse und verlieren also mit der Umstellung auf die neue Monokultur ihr bisher sicheres Auskommen von ihrer traditionellen Waldgarten-Landwirtschaft.

Die der industriellen Landwirtschaft geopferten Regenwälder verlieren ihre Klima-stabilisierenden Wirkung auf die Region und das Weltklima. Die Regensommer 2016 und 2017 in Europa können auch durch die mehrmonatigen Dauerbrände auf Borneo und Nachbarinseln bewirkt worden sein, insofern dort ab September 2015 und im Folgejahr erneut riesige Urwaldflächen nicht ganz unwahrscheinlich auch im Auftrag der Ölanbauenden-Konzerne niedergebrannt wurden. Da sie – zumal als Torfbodenbrände – schier nicht zu löschen waren, starben Tausende von Einheimischen von Borneo, Indonesien und Papua an Brandvergiftungen. Kleinkinder erfuhren durch langanhaltende Atemnot lebenslängliche Schäden.

Die Kritiken zahlreicher Tier- und Klimaschützer sowie weiterer NGOs, die sich für die dort lebenden Menschen, aber auch die Tiere und die Pflanzenvielfalt einsetzen – ist doch diese Region Hort der Biodiversität par excellence – haben in der jüngsten Zeit immerhin erreichen können, dass Agrarkraftstoffe in Europa künftig vermehrt aus hiesigen Quellen gespeist werden sollen. In der Landwirtschaft kommen jedoch nach wie vor 25% des dort verwendeten „Biodiesels“ aus dem tropischem Regenwaldgürtel.

Im letzten Drittel des Buchs werden die verschiedenen Siegel vorgestellt, mit denen die schädlichen Auswirkungen des Palmöl-Anbaus gedämpft werden soll. Käuferinnen und Einkäufern soll es so erleichtert werden, sich beim Einkauf gegen Palmöl zu entscheiden, das heute in Hunderten von Produkten versteckt ist. Immerhin bewirken die meisten Standards, dass sich einiges zugunsten der Arbeiter*innen auf den Plantagen verbessert hat. Viele der Nachhaltigkeits-Standards werden allerdings viel zu wenig kontrolliert. Und insgesamt greifen alle diese Siegel bisher zu kurz, um den weltklimaschädlichen Impact des Palmölanbaus ernsthaft abfedern zu können. Das ansprechend gestaltete Buch gehört in jede Stadt- und Uni-Bibliothek.

Frauke Fischer und Frank Nierula, Der Palmöl Kompass – Hintergründe, Fakten und Tipps für den Alltag, München: Oekom Verlag 2020, 172 Seiten, zahlreiche Abbild. 20,00 €

Cover: Der Palmöl-Kompass

Dazu auch: www.regenwald.org/themen/palmoel

Corona: lokal statt krankhaft global

Der Corona-Stillstand zeigt uns einmal wieder: unsere Lebensmittelversorgung muss zurück zu einer vornehmlich regionalen Versorgung. Die Lebensmittel einmal um den Globus zu schiffen oder gar zu fliegen, das kann in Krisen zu problematischen Engpässen führen. Nur eine schwerpunktmäßig regionale Lebensmittelversorgung sichert vor  kommenden Krisen einigermaßen ab, egal ob sie nun Corona-, Finanzmarkt-, oder Klimabedingt sind. Die Coronakrise zeigt zudem, dass es sehr wohl möglich ist, von heute auf morgen das ganze System anzuhalten und zu ändern. Dass wir so auch gegen den Klimawandel angehen können. Der Wandel muss aus dem urbanen Raum kommen, denn dem Land hat man das Mitspracherecht weitgehend genommen. Wenn in den Großstädten die Politik etwa via der öffentlichen Versorger auf eine nachhaltige Verköstigung umstellte, wäre das eine ernsthaft so zu nennende Politik der Nachhaltigkeit. Wenn also beispielsweise in einer Millionenstadt wie Berlin in allen Krankenhäusern, Schulen, Kindergärten sowie den Amts- und Parlaments-Kantinen vorrangig regionale Speisen angeboten würden, wären wir einen guten Schritt weiter hinsichtlich Angang des Klimawandels. Hunderte von Arbeitsplätzen in der Region wären gesichert und statt zuckersüchtig zu werden, würden die Kinder die natürlichen Aromen frischer Lebensmittel zu schätzen lernen. Die Kranken würden leichter gesunden und in den Ämtern und Parlamenten würde womöglich mit mehr klarem Geist und Mut regiert. Tatsächlich setzen sich seit einigen Jahren weltweit in immer mehr Großstädten Ernährungsräte dafür ein, Klimaverträglichere Kantinenangebote und Verzehrgewohnheiten zu fordern und fördern.

Es begann in den USA, wo in einigen Großstädten Aktivisten in „Food Councils“ sich seit den 1980er Jahren sich dafür einsetzen, gesundes Essen auch für arme Kinder und ihre Familien zugänglich zu machen. Von Schadstoffen unbelastetes Essen in die Schulkantinen, das heißt die Öko-Gärtner und Bauernhöfe der Umgebung zu fördern und ihnen mittels Bauernmärkten, Abnahmegarantieren und festen Preisen das Leben zu ermöglichen. Wichtig war neben der Wiedereinrichtung von Gemüsemärkten vor allem das Gründen von lokalen CSAs, Community Supported Agriculture Gruppen bzw. solidarischer Landwirtschaft. Das ist im Interesse aller, denn kurze Wege sind die Voraussetzung für frische Lebensmittel. Und das steht auch nicht im Gegensatz zu „bio“ – ganz im Gegenteil: eine nachhaltige, klimaverträgliche Landwirtschaft ist kleinräumig, weil naturfreundlich. Umweltbewusste Farmer kultivieren alte Sorten, weil diese regional angepasst sind. Sie ackern auf kleinen, durch Bäume und Sträucher eingefassten Feldern, weil das ein Mikroklima schafft, das gute Ernten garantiert.

Im Bändchen mit Ratschlägen aus der Ernährungsbewegung: „Genial lokal“, sind es vor allem die Beispiele aus aller Welt, die inspirierend wirken. Kopenhagen etwa beschloss im Jahr 2000 zu einer „Ökometropole“ zu werden und ist damit erfolgreich. Bereits jetzt stammen in etwa ein Fünftel aller in Dänemarks Hauptstadt verspeisten Lebensmittel aus ökologischem Anbau, vorzugsweise aus der Region. Kindergarten-, Schul- und Unikantinen gingen mit gutem Beispiel voran. Es zeigte sich, dass wenn Kantinen vermehrt Lebensmittel der Saison zubereiten, das Angebot an Fleischgerichten etwas reduzieren und vor allem auch versuchen, das Wegschmeißen zu vermeiden, klimaverträgliche Gerichte nicht teurer zu sein brauchen, als konventionelle aus Fertig-Menüs bzw. Ferngereistem aus aller Welt. Eine finanzielle Förderung durch die Kopenhagener Politik machte diesen Wandel möglich.

In den USA konnten die Food Councils wie etwa in Cleveland, Ohio für den Ernährungswandel sogar Flächennutzungspläne ändern und so vermehrt Urban Agriculture und Community Gardens in die Städte bringen. So wurde eine neue Ernährungskultur für Kinder, Jugendliche und Erwerbslose mit allen Sinnen erfahrbar. In Nordamerika entstand die neue Ernährungsbewegung deshalb zuerst, weil hier gleich nach Ende des II. Weltkriegs die Kriegsindustrie in den Agrar- und Logistiksektor umgemünzt wurde: Die Produktion von Panzern wurde auf die von Treckern umgestellt, aus den Giften für den Feind wurden Agrargifte. Ernährungsbedingte Krankheiten wie Allergien, Diabetes, Fettsucht, Herzkrankheiten etc. nahmen und nehmen unten der Armen rasend schnell zu und belasten die öffentlichen Haushalte. Da die Bundesregierungen wie die in Washington in der Zange von Industrie und Banken stecken, mussten die Kommunen selbst aktiv werden, erklärt Wayne Roberts, der jahrelang den Food Council von Toronto in Kanada leitete. Er machte den Kommunen klar, dass die Lebensmittelversorgung heute die meisten Arbeitsplätze bereit hält, es also in ihrem Sinne ist, sich hier zu kümmern…

Seit 2016 entstehen derartige „Ernährungsräte“ auch hierzulande: in Köln und Berlin und überall: von Aachen über Südtirol bis Zürich in zunehmend ganz Europa. Da, wo die Städte wie etwa Köln mit einer ersten Stelle für die Koordination den ehrenamtlichen Bürgerräten die Arbeit erleichtern, werden erste Erfolge bereits greifbar…

Valentin Thurn, Gundula Oertel, Christine Pohl, Genial Lokal – so kommt die Ernährungswende in Bewegung, Oekom Verlag München 2018, 283 S., 20,- €.

 

Königin Corona aus der Wildnis

Die Kinder Italiens witzelten über „Königin Corona“, als sie ihnen unverhofft frühe Ferien bescherte. Corona kommt aus dem Wald. Zumindest mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Als eine Art Rache der Natur. Das Virus ist wahrscheinlich Ergebnis eines unbedachten Erntens der älteren Bäume unserer Wälder und generell ihre Zerstörung seitens der Industriellen Landwirtschaft. So verschwindet die „Wildnis“ als Habitat der Tiere. Fledermäuse gelten derzeit als diejenigen Tiere, auf denen die Corona-Viren leben, ohne ihnen viel anhaben zu können und von denen sie – wahrscheinlich über ein weiteres Wirtstier – auf die Menschen übersprangen.

Die Wissenschaftsjournalistin Sonia Shah verfolgte die Spur der Viren und Mikroben in die zunehmend dezimierten Wälder der Erde: Die Lyme-Borreliose trat in den USA erstmals 1975 auf, als die Vorstädte sich immer weiter in die Wälder Nordamerikas hineinfraßen und immer mehr Wildtiere ihre Lebensräume verloren. Bis dahin hatte das Opossum die Anzahl der Zecken in Schach gehalten, aber mit den Wäldern verschwanden auch die Opossums. – Dreißig Jahre später trat Ebola in Westafrika vor allem dort auf, wo vorher in großem Stile Wälder gerodet worden waren. Die auf deren Bäumen lebenden Fledermäuse mussten in Gärten und Parks ausweichen und konnten so die Menschen mit Ebola infizieren.

Eigentlich weiß man es seit Jahrzehnten. Die Menschheit bekam so manche ihrer Krankheiten von den Tieren und zwar zur kleineren Hälfte auch von ihren Haustieren: Pocken und Tuberkulose von den Kühen, die Schweine vererbten uns den Keuchhusten und die Enten die Grippe. Als im Zeitalter des Kolonialismus´ die Engländer im 19. Jahrhundert begannen, die Mangroven-Urwälder im riesigen Delta des Ganges abzuschlagen, machten die Bakterien aus dem Brackwasser die Menschen krank und in ihrer Folge erschütterten Cholera-Epidemien die Welt.

Wenn heute in den Armenvierteln der Welt auf offenen Märkten verschiedene frisch geschlachtete Tiereund Wildtiere neben einander gehandelt werden, können die Viren und Bakterien, die sie besiedeln, sich mit denen der anderen Tier vermischen. So können neue und vor allem dem Menschen gefährlichen Krankheiten entstehen. Die Vogelgrippe entstand, als Wildvögel in Geflügelmastbetriebe gerieten und ihre Viren mit ihnen. Dort konnte ein Stamm des Influenza-Virus zu H5N1 mutieren, der auch den Menschen befallen kann. Das kann eine gefährliche Pandemie auslösen. An der Vogelgrippe starben unzählige der angesteckten Menschen. Und zwar obwohl Geflügel in den USA 2016 und in Europa bereits 2006 millionenfach vorsorglich getötet worden war. Womit die Federviehhaltung auf dem Land  für Jahre verschwand…

Eigentlich wäre es so einfach: den Klimawandel endlich angehen und Bäume pflanzen, Bäume pflanzen, Bäume pflanzen und Brachen in Gärten verwandeln. Warum soll es nicht möglich sein, sich die Erde mit den Tieren in einer mehr brüderlichen Art und Weise zu teilen? Zumal das auch dem menschlichen Wohlbefinden zweifelsohne äußerst bekömmlich wäre… Denn nach vier Wochen Hausarrest und vielen Toten scherzen wahrscheinlich kaum noch Schulkinder über die „Königin Corona“…

Weiterlesen: Sonia Shah, „Woher kommt das Coronavirus?“ in: Le Monde diplomatique März 2020

Sonia Shah Pandemic, Tracking Contagions from Cholera to Ebola and Beyond, New York: Crichton Books 2016

Gemeine Partizipation: Feldkoordination

Berlin: Am 7. November werden in der Alten Zollgarage des Flughafengebäudes, erneut die Feldkoordinatoren für das Tempelhofer Feld gewählt. Das ehemalige Flugfeld und die vormalige Weide des früheren Dorfs Tempelhof soll als neue Form einer Gemeinheit (engl. common oder amerik. commons) von dafür eigens gewählten Bürgern und Bürgerinnen gemeinsam als Park resp. klimarelevante offene Freifläche entwickelt werden. Die bisherige Bürgervertretung würde sich freuen, wenn sich viele interessierte Bürger und Bürgerinnen aufmachten und am Wahlakt beteiligten, mit dem für weitere drei Jahre die Feldkoordinatoren aus der Bürgerschaft Berlins bestimmt werden. Auf dieses Beteiligungsmodell ist man in Berlin seitens Politik und Verwaltung sehr stolz, es gilt als einmalig und weltweit wegweisend. Denn wesentlich die Bürger sollen entscheiden, was aus dem Feld wird, also wie viel(e) freie Fläche, Bäume, Schafe und Gemeinschaftsgärten, Spielflächen, Bänke, WC-Häuschen oder Skaterbahnen und Sozialprojekte das Gelände braucht, um der Allgemeinheit der Berliner und ihrer Besucherinnen optimal dienen zu können.

Die Arbeit als Feldkoordinatorin ist nicht un-zeitaufwendig, fünf bis sechs Stunden pro Woche und möglichst mehr, muss so eine Feldkoordinator für die Sitzungen, deren Vorbereitungen und das Lesen der entsprechenden Unterlagen wie u.a. der Protokolle etc. schon einrechnen. Und anstrengend ist die Mitarbeit in der Feldkoordination, insofern die Gier der Bauindustrie nach neu zu bebauenden jungfräulichen Flächen seit der letzten Finanzkrise 2007 unendlich ist und der Druck, den sie auf die Politik ausübt, sich bis in die Berliner Verwaltung hinein fortsetzt. Dank geschicktem Lobbying der Bau- und der dahinter steckenden Finanzindustrie, meinem sogar einige Grüne Abgeordnete, man müsse über eine eventuelle „Randbebauung“ des Tempelhofer Feldes erneut nachdenken, statt das geldpolitisch bedingte Spekulieren mit Häusern und Wohnungen anzugehen. Und das trägt sich in die Feldkoordinatorenschaft hinein. Die dann etwa, wenn einer ihr 200 Obstbäumchen schenken will, gewissermaßen gellend aufschreit und vermutet, dass am Tag nach der Baumsetzung die Bauindustrie dieses Buddeln für ihre Zwecke nutzen könnte… Eine derartige Streiterei um Bäume, in Zeiten da wir Schatten brauchen, ist jedoch eher unfruchtbar und ungesund. Sie frisst Zeit, die für Kreativeres genutzt werden könnte. Wie z.B. wäre zu erreichen, dass eine so riesige Fläche wie ein Parkplatz für Flugzeuge aus der Nazizeit am Empfangsgebäude vom Denkmalschutz (offenbar zugunsten von Autorennen)  wieder entbunden wird? Wie wäre zu erreichen, dass soziale Arbeit, die  ohnehin meistens nur mager entlohnt wird, nicht mit reinen Gewerbebetrieben wie etwa einem E-Roller-Verleih in einen Topf gesteckt wird? Wie kann man den ausgegliederten Behördenteil namens Grün Berlin GmbH besser kontrollieren, da er als „Privatbetrieb“ mit „Geheimhaltspflicht“-Argumenten die Bürgerkontrolle ständig unterläuft? Dazu kommt die Frage, wie man das Tempelhofer Feldgesetz so auslegen kann, dass es soziale und sozialpädagogische Projekte auf dem Feld besser fördert und unterstützt. Denn das wunderbare Tempelhofer Feldgesetz krankt an einem Freizeitbegriff, der das Nachdenken über eine neue städtische Agrarkultur eher aus- denn einschließt. Selbsthilfe, Eigenarbeit und Selbstversorgung als „privates“ Agieren zu verstehen, sollte jedoch fragwürdiges Privileg der Verwaltung blieben. Bürgerengagement sollte wissen, dass die Subsistenzarbeit der Ärmsten und kreativer Prekärer nur dann erfolgreich ist und sein kann, wenn sie in Form von kooperativem Handeln erfolgt, das die (All-)Gemeinheit anregt und einschließt, hin sozusagen zu einer „Stadt der Commonisten“, wie ein Buch der Anstiftung München betitelt ist. Wir brauchen in Berlin keinen „Central Park“, sondern in der Tat ein offenes Feld, das – indem es auch für alle Arten gemeinwohlorientierte Bürger-Projekte offen ist – sich den Klimawandelfragen optimal stellt. Das „Haus 104“ als Haus der Eigenarbeit, Umweltbildung und Kommunikation, geschaffen von und in den Händen der Feldkoordinator*innen, ist diesbezüglich ein guter Anfang.

Darüber hinaus ist es Arbeit genug, den Politikern klarzumachen, dass die gerne besprochene „sozialverträgliche“ „Randbebauung“ alle Bürgerprojekte auf dem Feld und ihre gesamte zumindest tausend-stündige ehrenamtliche Arbeit zu Makulatur werden lassen würde: alle neugepflanzten Bäume würden fallen, kein Allmende-Garten bliebe, kein „Stadtacker“ und auch kein Schillerkiezgarten…

weiterlesen: Was macht eigentlich eine Feldkoordinatorin?

und hier auf dem wunderbaren Blog zum Feld: https://www.tempelhoferfeld.info/

und hier: Andrea Baier, Christa Müller, Karin Werner, Stadt der Commonisten – Neue Räume des Do it yourself, Bielefeld: Transcript 2015

Neues Gärtnern belebt das Land

Das neue Gärtnern, urban Gardening oder interkulturelles Gärtnern genannt, gibt es jetzt auch auf dem Land. Zumindest in der Dübener Heide, z.B. am aufgebenen Bahnhof von Bad Düben. Jede Woche am Mittwoch trifft sich die Gruppe des Gemeinschaftsgartens am Wasserturm hinter dem Bahnhof und zu tun gibt es immer genug. Nachdem im Sommer es ständig ums Gießen ging, ist man – genauer gesagt: hauptsächlich „frau“ – nun froh, eine gute Bohnen-, Kartoffel- und Kürbisernte erzielt zu haben. Am Ende dieser Gartentag wird fast immer gemeinsam gekocht und geschmaust. Kurzum: das gemeinschaftliche Gärtnern bestärkt als Variante einer geselligen gegenseitigen Umweltbildung zugleich die Idee von Ernährungsouveränität und Selbstversorgung und würdigt so gerade auch und besonders die Gärtner*innen auf dem Land. Dazu wird immer wieder auch die interessierte Allgemeinheit eingeladen. In Bad Düben bereitet die Gruppe jetzt – nachdem man ein wunderschönes Sommerfest hinter sich gebracht hat – zum 19. Oktober einen Workshop zum Wassersparen und Brunnenbau vor. Übrigens: dazu kann jeder kommen, den das Thema interessiert, Details auf der Website: https://naturpark-duebener-heide.de/gardening/ Ansonsten hilft die Gartengruppe, wenn es denn wirklich auch mal regnet, der Bahnhofsgenossenschaft Bad Düben, mit der der Garten eng zusammenarbeitet, beim Vorbereiten des Gebäudes für ein am 11./12. Oktober stattfindenes kleines Musikfestival. Auch dazu sind alle eingeladen, Eintritt frei. – Wie es zu den beiden Gemeinschaftsgärten in der Dübener Heide kam, das steht hier: https://naturpark-duebener-heide.de/wp-content/uploads/2019/09/Meyer-Renschhausen-E.-2019-Gemeinschaftsg%C3%A4rten-im-l%C3%A4ndlichen-Raum-und-ihre-Gelingensbedingungen-D%C3%BCbener-Heide-1.pdf

Klimastreik für Klimagerechtigkeit

„Smash Patriachy not the Climate“, „Auch wir Alten wollen die Welt erhalten“, „Verkehrswende jetzt – Esel für alle“, „Fischers Fritze Frisst Plastik“, „Ändert die Wirtschaft nicht das Klima“, „Die Erde ist stinksauer!“ Auf dem Berliner Klimastreik mit über 80.000 Menschen fehlte es nicht an phantasievollen Transparenten aller Art, 90 % davon von Schülerinnen und Schülern selbst ausgedacht und gemalt. Eine weltweite beeindruckende Demonstration, die zeigt, dass die Mehrheit – zumal die weibliche – anders denkt, als die gewählten Politiker meinen. Jene Politiker, die aus Angst vor der nächsten Wirtschaftskrise gegenüber den Konzern- und Finanzinteressen ständig kuschen. Und damit das Klima stören, indem sie so die arbeitsintensive biologische Klein-Landwirtschaft, das lokale Handwerk, die kleinen Betriebe besonders auf dem Lande – die in Wirklichkeit die meisten Arbeitsplätze stellen – systematisch benachteiligen. Mit anderen Worten: Perspektiven, Handlungsmöglichkeiten, Gesundheit und das generelle Wohlergehen ihres Wahlvolks riskieren. Besonders jenes der Menschen im Globalen Süden, die direkt oder indirekt so zu Klimaflüchtlingen werden. Jedoch werden alle, betonten die Ärzte auf der Kundgebung vor dem Brandenburger Tor, in Folge des Klimawandels vermehrt krank. Denn Gier, Wachstumsglaube und in Folge vermehrter Klimawandel setzt nicht nur die Erde in Brand, er bringt neben Umwelt und Tieren auch die Menschen körperlich wie seelisch aus dem Lot. Heute arbeiten hierzulande bereits mehr Menschen im Gesundheitswesen als in der Großindustrie…

Das Tempelhofer Feld als Gemeinheit

Fünf Jahre erfolgreicher Volksentscheid Tempelhofer Feld! Die große Freifläche bleibt den Berlinerinnen und Berlinern erhalten zu Erholung, Sport und Spiel und das gemeinsame Gärtnern. Wieso? Dank dem entschiedenen Bürgerengagement, das am 24. Mai 2014 den entsprechenden Volksentscheid durchsetzte. Staatssekretär Tidow von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Umweltschutz und Klima betont in seiner Keynote bei der Feier am neuen Bürgerhaus „Haus 104“, dass während dieser Koalition sicher keine grüne Fläche bebaut werden wird!

 

Aber den Bürgern ist das Misstrauen schwer auszutreiben, müssen sie doch gerade an diesem Wochenende erleben, dass die – aus Sicht des Denkmalschutzes offenbar – heilige Vorfläche vor dem Flughafengebäude für Autorennen sehr wohl benutzt werden darf, während die Tempelhomes der Flüchtlinge oder auch der Kinderzirkus davon nocht nicht einmal eine Ecke in Anspruchnehmen  durften. Und gab es da nicht auch gerade erst vor wenigen Wochen erneut den Versuch von entsprechenden Kreisen, den Volksentscheid von 2014 wieder in Frage zu stellen? Und das Feld bebauen zu wollen, statt endlich einmal den skandalösen Leerstand z.B. des Flughafengebäudes anzugehen?

„Eine Gemeinheit – also ein Ärgernis – war und ist das Tempelhofer Feld für alle, die dort lieber bauen wollen, anstatt die Freifläche in der jetzigen Form zu erhalten.“ kündigte die Stiftung Naturschutz ganz lustig eine entsprechende Radtour im Rahmen ihres „Langen Tags der Stadtnatur“ an.

Also, was ist eigentlich eine „Gemeinheit“, die im heutigen Sprachgebrauch eine so merkwürdig negative Bedeutung hat? Eine Gemeinheit ist das, was der Allgemeinheit gehört, ein ähnlich altmodisches Wort wie Allmende, common, commons oder el ejido. Während der Privatisierung der Allmenden während der Preußischen Reformen ab 1813 ( in England geschah das schon viel eher) verschwand mit dem sozialen „Institut“ der Gemeinheit  zunehmend auch der alte Wortsinn.

Der Name des Gemeinschaftsgartens Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld hat sozusagen Geschichte gemacht. Was Allmenden sind, wissen wir jetzt wieder. Allmenden sind genossenschaftlich verwaltete Gemeinheiten. (Bisher sagte man oft auch „Gemeingüter“, aber der Begriff ist unscharf, es geht ja hier um etwas, was sicher nicht verkauft werden kann.)

Allmende-Gärten in öffentlichen Parks sind seit der großen grünen Freifläche Tempelhofer Feld eine neue Selbstverständlichkeit. Aber noch immer sind am Südrand des Tempelhofer Feldes die wilden Gärten der Bahnlandwirtschaft „Neuköllner Berg“ oder jene der zweiten Kleingartenkolonie am Tempelhofer Damm gefährdet. Seitdem die Bundesregierung die 1995 Bahn privatisiert hat, gilt das Land, auf dem Bahnlandwirtschaften liegen als Privatland. Die Bahn verlangt von den Kolonien sogar, dass sie ihre Tore verschlossen halten sollen, obschon das Berliner Kleingartengesetz festlegt, dass Koloniegärten Spaziergängern immer offen zu stehen haben…

Die Privatisierung von Bahn, Post und der Bildung war eine große Enteignung der Allgemeinheit. Das Sprechen vom Tempelhofer Feld als einer Gemeinheit machen uns diese Form des Landgrabbings auf Kosten der Allgemeinheit zugunsten von ein paar – sagen wir es deutlich – Gierpötten in den Top-Etagen von Banken, Bahn und anderen Dax-Unternehmen bewusst. Eine Politik der Prävention des Klimawandels, des Natur- und Umweltschutzes ist mit solchen Herrschaften sicher nicht zu machen. Sie gehören samt ihrer Fürsprecher in den Regierungsparteien abgewählt.

mehr hier: Elisabeth Meyer-Renschhausen / Klaus Prätor, Landgrabbing, Allmendaufhebung  und „Reclaim the Commons“, in: Berliner Debatte Initial, 30. Jg. 2019, S.81-93  ( ISSN 0863-4564)

Die neue Bodenfrage: Grünflächen ?!

Um den Klimawandel zu dämpfen, müssen in den Städten Grünflächen, Gärten, Wald und Parks grundsätzlich erhalten bleiben. In Berlin hat die jetzige Regierung sich eine entsprechende Verpflichtung in den Koalitionsvertrag geschrieben. Kein Kleingarten oder Park soll einem Bauvorhaben geopfert werden. Angesichts des Dürrejahrs 2018 mit seinen vielen Waldbränden und unerträglicher, ist das nur konsequent. Nur eine weltweite Wiederbewaldung und eine Politik des konsequenten Naturbodenerhalts kann den Klimawandel noch so verlangsamen, dass auch die nächsten Generationen auf diesem Planeten werden leben können. Es darf kein Boden mehr versiegelt werden, vielmehr müssen nicht mehr benötigte Fläche von den Investoren, Grundstückinhabern und Fabriken selbst wieder entsiegelt werden, um bewaldet, beackert oder beweidet werden zu können.

Die derzeitige Debatte in Berlin um die Wohnungsnot, wofür es angeblich nötig wäre, diese Koalitionsvereinbarung aufzuheben, geht an den Realitäten vorbei. Der Wohnungsnotstand ist ein Erfolg der internationalen Finanzpolitik. Das viel zu viele virtuelle Geld, dass sich in immer größerer Schieflage bei einigen Wenigen ansiedelt, sucht nach Anlagemöglichkeiten. Erst wenn dieses Buchgeld zu „real estates“ – wie es im Englischen so hübsch heißt, auf deutsch könnte man frei übersetzten in „Reales“ – verwandelt ist, ist es vor der nächsten Krise gerettet. Infolge der Finanzpolitik stehen auch überall Wohnungen leer, weil die begüterten Bürger aus Krisenländern wie verängstige Südeuropäer Wohnungen kaufen, um sich vor dem nächsten Finanzcrash zu bewahren. In Berlin und anderen Großstädten wurden zudem massenweise Wohnhäuser in Hotels oder Hotels verwandelt. Und last but not least gehen die Investoren den gewaltigen Leerstand, den wir in der Stadt und allen Städten haben nicht an, sondern wollen unbedingt neu bauen, statt umzubauen. Beispielsweise wäre da in Berlin das leerstehende Flughafengebäude auf dem Tempelhofer Feld. Es steht größtenteils leer. Teile davon sind durchaus geeignet relativ rasch in Wohnungen umgewandelt werden zu können. Die südseitige Fläche, wo die Flugzeuge früher parkten, wäre gut geeignet, dort Container für Flüchtlinge aufzustellen, statt auf die Rasenfläche, wo sie zum großen Leidwesen der betroffenen Geflüchteten nach kurzer Zeit wieder abgebaut werden müssen. Eine derartige langweilige Fläche unter Denkmalschutz zu stellen ist, inhuman.

Bebauen müssen wir die versiegelten Flächen, all´ die vielen nie ausgelasteten Parkplätze und Parkhochhäuser, die leer stehenden Bürogebäude überall, nicht jedoch offene Grünflächen. Es ist im übrigen gerade das Neubauen, was die Preise für Wohnungen in unbezahlbare Höhen treibt! Stattdessen ist angesagt, Fehlinvestitionen umzubauen, wie z.B. das ewig leerstehende Parkhaus auf dem Gleisdreieck. Fünf mal so groß wie die anvisierten Flächen für Interkulturelle Gärten stand es ewig leer. Die Bürgerinitaitive AG Gleisdreieck hatte das vorausgesehen. Jetzt wird es endlich zu einem Wohngebäude umgebaut, was man gut auch vor über zehn Jahren schon hätte machen können. Aber immerhin, endlich bebauen wir hier die Parkplätze und nicht die Parks!  Ähnlich könnte man in der ganzen Stadt Wohnungen schaffen und den Gebäudeleerstand angehen.

diese Zusammenhänge habe ich ausführlicher erläutert u.a. hier:

http://www.taz.de/Debatte-Wohnungsnot/!5276783/

 

Stadtgrün und Bodenfragen

Die Presse ist neutral. Wenigstens meistens. Nicht aber, wenn es um Besitz- und Bodenfragen geht. Der Grundgesetzparagraph, demzufolge Eigentum verpflichtet, ist vergessen. Das Magazin „Focus“ fragte kürzlich die Leser, was sie von Tübingens Bürgermeister Boris Palmers Idee hielten, die leerstehenden Grundstücke Tübingens einzuziehen: habe er damit völlig unrecht oder nur übertrieben, war die Frage. Die Option für die Leserinnen, ihr Kreuzchen bei, „damit hat er völlig recht“ machen zu können, die war nicht dabei. Was hatte Bürgermeister Boris Palmer verbrochen? Er hatte alle Besitzer von langjährig unbebauten Grundstücken angeschrieben und gefragt, was sie mit ihrem Grundstück vorhätten. Falls sie es im nächsten Jahr nicht zu bebauen vorhätten, wolle die Stadt es bebauen lassen. Zu diesem Zweck bot er an, das jeweilige Grundstück zum Verkehrswert zu kaufen. Eine sehr vernünftige Idee, der wahrscheinlich 95% aller Stadtbewohner zustimmen würden.

Besonders jene, die sich über ein jahrzehntelang nicht bebautes Grundstück in ihrer Ecke wundern. Wie z.B. mitten in Berlin an der Potsdamer Straße, Ecke Alvensleben. Es verbirgt sich hinter einem hässlichen Zaun. Die wild darauf wachsenden Birken werden alle Jahre abgesägt und zeigen so an, dass es einen Besitzer gibt, der auf Kosten der Allgemeinheit mit seinem Grundstück spekuliert. Das Grundstück ist seit dem Kriegsende leer.  In New York wäre hier wohl längst zumindest ein Nachbarschaftsgarten entstanden, für die Alten im Kiez, denen man eine Bank unter Bäumen gönnen kann. Hier aber passiert seit Jahren: nichts. So bleibt uns das traurige in die Brandwand des Nachbarhauses eingravierte Portrait von Hans-Jürgen Rattey erhalten. Er wurde Opfer eines martialischen Einsatzes der Polizei gegen eine Hausbesetzer-Demonstration Anfang der 1980er Jahre. Dem Engagement der Jugend damals verdanken wir den behutsamen Stadtumbau, die Altbauten erhielt, eine viel Klimafreundlicher Umgangsweise mit Gebäuden und grüne Hinterhöfe einführte.

Den Mut von Bürgermeister Palmer hat die Politik in Berlin noch nicht an den Tag gelegt. Stattdessen wechseln  weiter Wohnungen und ganze Häuser und Wohnanlagen ihre Besitzer und die Preise steigen in exorbitanteHöhen, mit der die durchschnittlichen Löhne und Gehälter nicht im Entferntesten mitwachsen können. Die Hälfte der Wohnungsverkäufe gehen durch „Share Deals“ an den Behörden vorbei… Die Spekulanten sparen sich so die Grunderwerbssteuer und können das Vorkaufsrecht der langjährig in den Wohnungen wohnenden aushebeln. Dass es auch anders geht, zeigte an diesem Wochenende die Berliner Tageszeitung (die) taz, die den Idealisten und Hausbesitzer Gerhard Oschmann würdigte, der bis heute nur 3 €uro pro Quadratmeter nimmt. Hoffentlich bieten ihm seine Mitbewohner rechtzeitig an, im gegenzug die Repapraturen selbst übernehmen zu wollen, ev. sogar genossenschaftlich?

Immerhin setzt sich die derzeitig  rot-rot-grüne Regierung für eine Grüncharta ein. Man möchte das vorhandene Grün in der Stadt dauerhaft sichern. Berlin besticht seit bereits über 100 Jahren durch seinen Dauerwaldvertrag. Damals wollte man die Wälder zugunsten der Grundwasserqualität erhalten. Aber auch an den großen Erholungswert der Stadtwälder war damals mitgedacht. Sie bilden bis heute eine unverzichtbare grüne Lunge der Stadt und beherbergen neben zahlreichem Wildleben auch Waldschulen, Badeseen und Jugendsommerlager.

Heute will die Politik dieses Grün zusammen mit den öffentlichen Parks einschließlich der entsprechenden Kleingartenanlagen durch eine Art neuen Dauerwaldvertrag resp. nunmehr Dauergrünvertrag endgültig sichern. Eine große Stadt braucht grüne Parks für Erholung, Spiel und informellen Sport. Auch die allermeisten Kleingartenanlagen, glücklicherweise ohnehin oft am Rande von Parks gelegen, stehen dem Publikum für Spaziergänge offen, vergrößern den Grüne-Lunge-Effekt der Parks. Sie tragen im Übrigen viel mehr noch als die Parks zur Biodiversität bei.  Dazu kommen die Gemeinschaftsgärten Berlins, die – wie unter anderem das Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld – laut Internet zu den Top Ten gehören, die für Berlin-Besucher sozusagen absolut verpflichtend sind. Sie gehören daher als Schwerpunkt einer zeitgemäßen Klima- und Erwachsenenbildung ins Zentrum eines jeglichen Grüncharta-Prozesses. Hier wäre eine aktivere Förderung sinnvoll, weil sie lebenslanges Klimalernen mit sozialer Integration verbinden, Ernährungsreflexion mit einem Guten Leben im Grünen.

 

Essbare Stadt: Klein- zu Waldgärten?

Charlottenburg, bis 1920 selbständige Stadt am Rande Berlins, wird essbare Stadt! Genauer gesagt: es wird ein essbarer Bezirk. Und das auch nicht gerade als der allererste in Berlin, da gab es ganz andere als Vorreiter wie etwa Friedrichshain-Kreuzberg.

Wie auch immer: Zur Feier der erfreulichen Neuerung war die Auftakts-Veranstaltung im  großen Saal des Charlottenburger Rathauses bis auf den letzten Platz besetzt. Die Leute lauschten mit steigender Aufmerksamkeit den engagierten Bürgern, die an verschiedenen Ecken der großen Kommune Charlottenburg-Wilmersdorf es schon einmal ausprobiert haben. Die einen haben am Lietzensee ein kleines Bürgerhaus mit Café und vorbildlich bepflanzten Äckerchen eingerichtet. Und andere, wie etwa die Kleingartenkolonie „Am Stadtpark 1“ (heute Volkspark Wilmersdorf) haben die Parzelle am Vereinshaus für alle zugänglich gemacht und eine weitere für eine Kita und eine Schule geöffnet, die die nun mit steigender Begeisterung bepflanzt haben.

Am besten hat mir der Kleingartenverein Habsburg von der Gaußstraße gefallen, der sich einem geheimnisvollen „OFA“-Projekt verschrieben hat. OFA, das heißt, „Obst für alle“.  Es geht darum, einige Parzellen der kleinen Kolonie samt Allee in vorbildlich essbare Waldgärten zu verwandeln. Was ist ein Waldgarten? Ein Garten mit Bäumen, mit hohen Bäumen, die also Schatten spenden und das doch so in einer lichten Art und Weise tun, dass darunter – so wie im mehrstöckigen tropischen Urwald, wo die Kaffebüsche am besten unter den Kohlbäumen gedeihen – auch noch andere Sträucher und Pflanzen wachsen können. Neben mir raschelte ein älterer Herr mit seinen maschinengetippen Seiten und fügte hier und dort noch ein Wörtlein in sein ausformuliertes Manusskript ein. Um dann, als er endlich dran war, es – ohne auch nur einmal auf sein Manuskript zu schauen – überzeugend ins Publikum zu schmettern: „OFA“ macht zwar tüchtig viel Arbeit, sagte Dr. Krüger uns, aber vor allem noch viel mehr Spaß!  Obst für alle: Es ist einfach überzeugend, den Menschen zeigen zu können, wie die Pflanzengemeinschaften von essbaren Waldgärten für kühlere Luft und dennoch reiche Ernte sorgen können. Auf lange Sicht macht so eine Waldgartenabteilung im eigenen Garten weniger Arbeit als die ewig austrocknenden Sonnenbeete. Und die in den Städten zunehmend diskriminierten Hochstamm-Obstbäume hätten hier auch wieder eine Chance.

Am Langen Tag der Stadtnatur, am 25.5.2019, wird zwischen 15.00 bis 18.00 das Ganze an Ort und Stelle übrigens noch einmal genauer erklärt.