Gemeine Partizipation: Feldkoordination

Berlin: Am 7. November werden in der Alten Zollgarage des Flughafengebäudes, erneut die Feldkoordinatoren für das Tempelhofer Feld gewählt. Das ehemalige Flugfeld und die vormalige Weide des früheren Dorfs Tempelhof soll als neue Form einer Gemeinheit (engl. common oder amerik. commons) von dafür eigens gewählten Bürgern und Bürgerinnen gemeinsam als Park resp. klimarelevante offene Freifläche entwickelt werden. Die bisherige Bürgervertretung würde sich freuen, wenn sich viele interessierte Bürger und Bürgerinnen aufmachten und am Wahlakt beteiligten, mit dem für weitere drei Jahre die Feldkoordinatoren aus der Bürgerschaft Berlins bestimmt werden. Auf dieses Beteiligungsmodell ist man in Berlin seitens Politik und Verwaltung sehr stolz, es gilt als einmalig und weltweit wegweisend. Denn wesentlich die Bürger sollen entscheiden, was aus dem Feld wird, also wie viel(e) freie Fläche, Bäume, Schafe und Gemeinschaftsgärten, Spielflächen, Bänke, WC-Häuschen oder Skaterbahnen und Sozialprojekte das Gelände braucht, um der Allgemeinheit der Berliner und ihrer Besucherinnen optimal dienen zu können.

Die Arbeit als Feldkoordinatorin ist nicht un-zeitaufwendig, fünf bis sechs Stunden pro Woche und möglichst mehr, muss so eine Feldkoordinator für die Sitzungen, deren Vorbereitungen und das Lesen der entsprechenden Unterlagen wie u.a. der Protokolle etc. schon einrechnen. Und anstrengend ist die Mitarbeit in der Feldkoordination, insofern die Gier der Bauindustrie nach neu zu bebauenden jungfräulichen Flächen seit der letzten Finanzkrise 2007 unendlich ist und der Druck, den sie auf die Politik ausübt, sich bis in die Berliner Verwaltung hinein fortsetzt. Dank geschicktem Lobbying der Bau- und der dahinter steckenden Finanzindustrie, meinem sogar einige Grüne Abgeordnete, man müsse über eine eventuelle „Randbebauung“ des Tempelhofer Feldes erneut nachdenken, statt das geldpolitisch bedingte Spekulieren mit Häusern und Wohnungen anzugehen. Und das trägt sich in die Feldkoordinatorenschaft hinein. Die dann etwa, wenn einer ihr 200 Obstbäumchen schenken will, gewissermaßen gellend aufschreit und vermutet, dass am Tag nach der Baumsetzung die Bauindustrie dieses Buddeln für ihre Zwecke nutzen könnte… Eine derartige Streiterei um Bäume, in Zeiten da wir Schatten brauchen, ist jedoch eher unfruchtbar und ungesund. Sie frisst Zeit, die für Kreativeres genutzt werden könnte. Wie z.B. wäre zu erreichen, dass eine so riesige Fläche wie ein Parkplatz für Flugzeuge aus der Nazizeit am Empfangsgebäude vom Denkmalschutz (offenbar zugunsten von Autorennen)  wieder entbunden wird? Wie wäre zu erreichen, dass soziale Arbeit, die  ohnehin meistens nur mager entlohnt wird, nicht mit reinen Gewerbebetrieben wie etwa einem E-Roller-Verleih in einen Topf gesteckt wird? Wie kann man den ausgegliederten Behördenteil namens Grün Berlin GmbH besser kontrollieren, da er als „Privatbetrieb“ mit „Geheimhaltspflicht“-Argumenten die Bürgerkontrolle ständig unterläuft? Dazu kommt die Frage, wie man das Tempelhofer Feldgesetz so auslegen kann, dass es soziale und sozialpädagogische Projekte auf dem Feld besser fördert und unterstützt. Denn das wunderbare Tempelhofer Feldgesetz krankt an einem Freizeitbegriff, der das Nachdenken über eine neue städtische Agrarkultur eher aus- denn einschließt. Selbsthilfe, Eigenarbeit und Selbstversorgung als „privates“ Agieren zu verstehen, sollte jedoch fragwürdiges Privileg der Verwaltung blieben. Bürgerengagement sollte wissen, dass die Subsistenzarbeit der Ärmsten und kreativer Prekärer nur dann erfolgreich ist und sein kann, wenn sie in Form von kooperativem Handeln erfolgt, das die (All-)Gemeinheit anregt und einschließt, hin sozusagen zu einer „Stadt der Commonisten“, wie ein Buch der Anstiftung München betitelt ist. Wir brauchen in Berlin keinen „Central Park“, sondern in der Tat ein offenes Feld, das – indem es auch für alle Arten gemeinwohlorientierte Bürger-Projekte offen ist – sich den Klimawandelfragen optimal stellt. Das „Haus 104“ als Haus der Eigenarbeit, Umweltbildung und Kommunikation, geschaffen von und in den Händen der Feldkoordinator*innen, ist diesbezüglich ein guter Anfang.

Darüber hinaus ist es Arbeit genug, den Politikern klarzumachen, dass die gerne besprochene „sozialverträgliche“ „Randbebauung“ alle Bürgerprojekte auf dem Feld und ihre gesamte zumindest tausend-stündige ehrenamtliche Arbeit zu Makulatur werden lassen würde: alle neugepflanzten Bäume würden fallen, kein Allmende-Garten bliebe, kein „Stadtacker“ und auch kein Schillerkiezgarten…

weiterlesen: Was macht eigentlich eine Feldkoordinatorin?

und hier auf dem wunderbaren Blog zum Feld: https://www.tempelhoferfeld.info/

und hier: Andrea Baier, Christa Müller, Karin Werner, Stadt der Commonisten – Neue Räume des Do it yourself, Bielefeld: Transcript 2015

Ein geglücktes Allmende-Fest

Tanzlindenfest im Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Die interkulturelle Musikergruppe Folkbär-Orchester spielte und spielte und spielte zwischen den charmant verwilderten Gemüsebeeten und die Besucherscharen tanzten mit. Der neue Vorstand des Gartens und einige weitere Helfer hatten ihr Bestes gegeben: die Tanzlinde hat nun ein Tanzbodengerüst, in das sie hineinwachsen kann. Eine Tanzlinde für den Gemeinschaftsgarten war der letzte Wunsch der Berliner Gartenaktivistin Gerda Münnich, die 2017 starb. Nach dem Gerüstbau und dem grandiosen Auftakt-Konzert der Folkbären mit sicher hundert Lauschenden ging es weiter mit der Jamsession. Von der Kerngruppe schälten die einen die Kartoffeln, Niels und Kristin brieten sie, wieder andere wuschen ab: Die Gärtner und ihre vielen, vielen Gäste genossen die fröhlich friedvolle Stimmung und blieben bis in den Abend: ein gelungenes Fest. Der Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor erwies sich als guter Gastgeber oder sagen wir: als sozusagen guter Allmend-Genosse, der nämlich sein besonderes (Garten-)Glück mit der Allgemeinheit teilt.  

Das Tempelhofer Feld als Gemeinheit

Fünf Jahre erfolgreicher Volksentscheid Tempelhofer Feld! Die große Freifläche bleibt den Berlinerinnen und Berlinern erhalten zu Erholung, Sport und Spiel und das gemeinsame Gärtnern. Wieso? Dank dem entschiedenen Bürgerengagement, das am 24. Mai 2014 den entsprechenden Volksentscheid durchsetzte. Staatssekretär Tidow von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Umweltschutz und Klima betont in seiner Keynote bei der Feier am neuen Bürgerhaus „Haus 104“, dass während dieser Koalition sicher keine grüne Fläche bebaut werden wird!

 

Aber den Bürgern ist das Misstrauen schwer auszutreiben, müssen sie doch gerade an diesem Wochenende erleben, dass die – aus Sicht des Denkmalschutzes offenbar – heilige Vorfläche vor dem Flughafengebäude für Autorennen sehr wohl benutzt werden darf, während die Tempelhomes der Flüchtlinge oder auch der Kinderzirkus davon nocht nicht einmal eine Ecke in Anspruchnehmen  durften. Und gab es da nicht auch gerade erst vor wenigen Wochen erneut den Versuch von entsprechenden Kreisen, den Volksentscheid von 2014 wieder in Frage zu stellen? Und das Feld bebauen zu wollen, statt endlich einmal den skandalösen Leerstand z.B. des Flughafengebäudes anzugehen?

„Eine Gemeinheit – also ein Ärgernis – war und ist das Tempelhofer Feld für alle, die dort lieber bauen wollen, anstatt die Freifläche in der jetzigen Form zu erhalten.“ kündigte die Stiftung Naturschutz ganz lustig eine entsprechende Radtour im Rahmen ihres „Langen Tags der Stadtnatur“ an.

Also, was ist eigentlich eine „Gemeinheit“, die im heutigen Sprachgebrauch eine so merkwürdig negative Bedeutung hat? Eine Gemeinheit ist das, was der Allgemeinheit gehört, ein ähnlich altmodisches Wort wie Allmende, common, commons oder el ejido. Während der Privatisierung der Allmenden während der Preußischen Reformen ab 1813 ( in England geschah das schon viel eher) verschwand mit dem sozialen „Institut“ der Gemeinheit  zunehmend auch der alte Wortsinn.

Der Name des Gemeinschaftsgartens Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld hat sozusagen Geschichte gemacht. Was Allmenden sind, wissen wir jetzt wieder. Allmenden sind genossenschaftlich verwaltete Gemeinheiten. (Bisher sagte man oft auch „Gemeingüter“, aber der Begriff ist unscharf, es geht ja hier um etwas, was sicher nicht verkauft werden kann.)

Allmende-Gärten in öffentlichen Parks sind seit der großen grünen Freifläche Tempelhofer Feld eine neue Selbstverständlichkeit. Aber noch immer sind am Südrand des Tempelhofer Feldes die wilden Gärten der Bahnlandwirtschaft „Neuköllner Berg“ oder jene der zweiten Kleingartenkolonie am Tempelhofer Damm gefährdet. Seitdem die Bundesregierung die 1995 Bahn privatisiert hat, gilt das Land, auf dem Bahnlandwirtschaften liegen als Privatland. Die Bahn verlangt von den Kolonien sogar, dass sie ihre Tore verschlossen halten sollen, obschon das Berliner Kleingartengesetz festlegt, dass Koloniegärten Spaziergängern immer offen zu stehen haben…

Die Privatisierung von Bahn, Post und der Bildung war eine große Enteignung der Allgemeinheit. Das Sprechen vom Tempelhofer Feld als einer Gemeinheit machen uns diese Form des Landgrabbings auf Kosten der Allgemeinheit zugunsten von ein paar – sagen wir es deutlich – Gierpötten in den Top-Etagen von Banken, Bahn und anderen Dax-Unternehmen bewusst. Eine Politik der Prävention des Klimawandels, des Natur- und Umweltschutzes ist mit solchen Herrschaften sicher nicht zu machen. Sie gehören samt ihrer Fürsprecher in den Regierungsparteien abgewählt.

mehr hier: Elisabeth Meyer-Renschhausen / Klaus Prätor, Landgrabbing, Allmendaufhebung  und „Reclaim the Commons“, in: Berliner Debatte Initial, 30. Jg. 2019, S.81-93  ( ISSN 0863-4564)

Schafe auf dem Tempelhofer Feld

Die Berliner sind begeistert von den Schafen auf dem Tempelhofer Feld. Sie kamen an einem Sonntag am frühen Nachmittag für eine Woche nach Berlin. Die armen Schafe kamen über so viel Entzücken über ihre pure Anwesenheit kaum zum Fressen, denn die Berlinerinnen folgten ihnen beglückt auf Schritt und Tritt.- „Wo ist Achmed?“ hörte ich im verbuschten Wildwuchs des „Alten Hafens“. „Der sucht die Schafe.“ – Denn die Herde hatte auf der Weite des Tempelhofer Feldes schnell verkrümelt. Die Schafe bleiben zunächst ängstlich zusammen. Wenn doch einmal eines ausbrach, weil es einen noch fast grünen Grashalm erspäht hatte, jagte der schwarze Schäferhund Karl  es pflichtbewusst  wieder zu den anderen… Zunächst  mussten die vielen Schafsbegeisterten Berlinerinnen baldeine ganze Stunde warten, bis die Brandenburger Schäferei endlich ankam. (Unterwegs war einer der Transporter kaputtgegangen, ein Teil der Schafe blieb sozusagen auf halber Strecke liegen.) Kaum angekommen rumorte es in dem bisher stillen LKW. Die Schafe hatten offenbar das Gras des Tempelhofer Feldes gerochen und machen „Mäh!“. Das machen die Schafe immer dann, wenn sie auf eine Veränderung drängen: jetzt wollten sie raus. Aber nun hatte der lang gewachsene Brandenburger Schäfer Knut Kucznik Bedenken, denn seinen tapferen 100 Schafe standen zumindest 1000 Berlinerinnen und Berlinern samt Kindern, Buggys, Fahrrädern und Dackeln entgegen, die allesamt die Ankunft der Schafe fiebrig erwarteten. Da baute er mit seinen Helfern dann lieber erst einmal ein Gatter, damit die armen Schafe sich nicht in der Menge sozusagen gleich verlören. Und auch der junge Lehrling unter den zwei Schäfer-Hunden fand so viele Menschen um ihn herum ziemlich beängstigend.Erbekam Dünnschiß.

Aber dann öffnete sich die Klappe: Das erste Schaf auf der Rampe guckte etwas verdutzt: sooo viele Leute auf einen Haufen hatte es eigentlich noch nie gesehen. Aber seine Begleiterin und die anderen drängten raus und so blieb auch dem bedächtigen Oberschaf  nichts anderes über, als tapfer auf diese so grässlich vielen Berliner zuzurennen. Zum Glück war da der Chef, Schäfer Knut Kucznik und der hielt eine Rede: er wolle den Berliner für eine Woche zeigen, wie das Schafe hüten geht. Und so eine bekannte Stimme hört man als Schaf doch immer gern. Dann sprach der Organisator des Ganzen: Niels Rickert vom Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor mit ähnlich ländlich-vertrautklingendem Küsten-Tonfall. Niels Rickert dankte allen Beteiligten, wie vor allem dem Verband der Berufs-Schäfer, den Sponsoren und Behörden, der Grün Berlin GmbH und dem Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor. Danach hielt Klaus Prätor, Betreiber eines „Arkadien“-Blogs zu den Themen Hirtenwesen und Allmenden,eine erhellende Fest-Rede. Es war zu erfahren, dass das Zusammenleben von Schaf und Mensch am Anfang der menschlichen Kultur stand und über 10.000 Jahre praktiziert wird.Das westeuropäische Alphabet entstand in Kreta vor etwa 3000 -35000 Jahren und zwar einzig und allein,um das Zählen und Erzählen der resp. über die kostbaren Schafe zu ermöglichen. Klaus Prätor erinnerte daran, dass bei einer Umfrage in den 1990er Jahren die Berliner nichts sehnlicher gewünscht hätten, als die Wiederkehr der Schafe zurück aufs Tempelhofer Feld. Und er machte darauf aufmerksam, dass die momentanen Finanz-, Privatisierungs- und Einzäunungspolitik dabei ist, der uralten Kulturform der Wanderschäferei wie des Hirtenwesens generell ein endgültiges Ende zu bereiten… Dass die Berlinerinnen und Berliner mit dieser Politik nicht einverstanden sind, das war heute deutlich zu erfahren. Sogar die angeleinten Hunde schwiegen beeindruckt. Nur ein großer Schäferhund einer mediterran wirkenden Familie konnte nicht an sich halten, er jaulte herzzerreißend. Es klang wie: „Ach, wie gern wäre auch ich ein echter Schäferhund geworden!“

Nachdem die Schafe aus dem Gatter raus durften retteten sie sich aus freie Feld. Womit sie nicht gerechnet hatten: diese Berliner folgten ihnen von nun an auf Schritt und Tritt. Wie soll man da bloß zu geruhsamem Grasen kommen?

Es bestand die Einladung allabendlich zum Schäfchenzählen beim Zusammentreiben der Herde zu ihrer Schlafstatt rings um das Haus 104 zu helfen. Mit der Chance, Schäfer Knut Kucznik beim Spinnen vom Schäferlatein lauschen zu können. Gleich am ersten Tag wären drei Schafe fast ausgebrochen, erzählte er einmal. Die wollten abhauen! Aber dann hätte ein beherzter Berliner sich in voller Länge ins Eingangstor gelegt und die Ausreißer konnten gestoppt und  zur Herde zurück geführt werden…

Die Schafe regten an: zum Spinnen von Zukunftsvisionen. Seine Frau erzählte mir Hussein auf der Parkbank würde ihren Joghurt viel lieber von frischer Schafsmilch als aus Supermarkts-Milch machen. – Am Ende der Woche hatten Schafe und Berliner sich gut einander gewöhnt, die Schafe grasten friedlich inmitten der sie beglückt bestaunenden Berlinerinnen samt Kinderscharen. Man fragt sich wieso eigentlich es in Berlin keinen Wanderschäfer gibt wie in etwa in Nürnberg, Turin oder Paris? Wo übrigens die Schafe im Sommer durchaus über die Straßen von einer Fläche zur anderen getrieben werden.

Weiterlesen: https://arkadienblog.org/category/allmenden/

https://www.tempelhoferfeld.info/

 

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Allmenden und Genossenschaften

Zum Donnerstag, den 26.4. 12.00-13.30 vor dem Reichstag.

Wir gratulieren der Raiffeisen-Genossenschaft zur Feier ihres 200-jährigen Bestehens. Diese Agrargenossenschaften ermöglichten den Bauern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts das Überleben. Aber die Genossenschaften wurden im Wendeprozeß ihrer Gemeinützigkeit beraubt und sind heute – extrem gefährdet – von der UNESCO daher zum Weltkulturerbe erhoben. Denn nur Neu-Gründungen von Landbaugenossenschaften ermöglichen im 21. Jahrhundert etwa Hunderten von Kleinbäuerinnen Indiens Überleben und Erfolg. Die Allmenden können wir dabei als Vorform oder eine ältere Form von Genossenschaften oder Gemeinwirtschaft betrachten. Sie hielten sich teilweise bis heute, wie wir dank Elinor Ostrom wissen.

Die Raiffeisen-Genossenschaft möchte zu ihrem Jubiläum Anlaß dem allseits beliebten Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld 20 Hochstamm-Obstbäume schenken. Denn schließlich ist dieser Garten als neue
Allmende so etwas wie das Herz und Symbol des Tempelhofer Felds als neuer „Gemeinheit“ geworden, also einer neuen „commons“ wie es auf Englisch heißt. Vermehrte Neueinrichtungen von commons – das werden wir für die Zukunft überall brauchen. Eßbare Stadtlandschaften verwaltet in Bürgerhand bzw. konkret neuen Allmende-Genossenschaften – die werden wir gerade auch in den Städten benötigen, allein schon deshalb, um die vom Land Vertriebenen vor der für die meisten unerträglichen Bürde der Erwerbslosigkeit bewahren zu können. Um ihnen einen Raum für Eigenarbeit als tätiger Selbsthilfe geben zu können.

Die geschenkten Obst-Bäume wird das Allmende-Kontor allerdings gleich an das Tempelhofer Feld als solches resp. das Land Berlin weiter verschenken, schon mangels Platz im eigenen Garten, zumal Gemüseanbau und Obstbäume sich nur bedingt vertragen. Das Feldforum des Tempelhofer Feldes wird mit Unterstützung der „Feld-Koordination“ entscheiden, wo sie stehen sollen.

Den Namen „Allmende“-Kontor verdanken wir übrigens Ivan Illich, dem Kritiker der Expertokratie, der das schöne Buch „Das Recht auf Gemeinheit“ schrieb, sowie Karl Linn, einem Community-Gärtner in Berkeley. Karl Linns Buch heißt „Building Commons and Communities“, denn das hat er ein Leben lang getan. Karl Linns Mutter war eine erfolgreiche „Zurück-Aufs-Land“-Pionierin der ersten Stunde, 1913 baute sie allein mit Hilfe der Rentengut-Genossenschaft „Freie Scholle“ eine erfolgreiche Obstbaum-Plantage auf, die später vielen jüdischen Mädchen eine Art frühen Kibbuz mit Landbau-Ausbildungs-Möglichkeit bot. Solange die Kirschbäume noch nicht trugen, ernährte sie sich von einer Subsistenz-Landwirtschaft mit Hühnern, Kühen und Schweinen und allem drum und dran. 1933 aber wollte der Nazi-Bürgermeister ihr Land, der üble Bodenraub der Nazis… Gegen das Landgrabbing weltweit hilft nur das „Reclaim the Commons“! Henny Rosenthals Sohn, Karl Linn, trug diese Idee dann durch die halbe Welt und unterstützte dabei auch die Besetzer vom Ziegenhof in Charlottenburg. Als einer, der häufiger die Länder und Städte wechselte, wußte er wovon er sprach: Das „Wiederverwurzeln in der Fremde“, das geht am allerbesten in der Gemeinschaft einer Allmend-Genossenschaft, in einem Gemeinschaftsgarten auf einem Tempelhofer Feld als Gemeinheit, die allen gehört und daher auch auch den „Neuen“ offen steht…

Elisabeth Meyer-Renschhausen

Allmende-Kontors Gemeinschaftsbeete

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Im Gemein-schaftsgarten Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld gibt es wie in anderen Interkulturellen Gärten etwa 250 individuelle Beete, die von Kleingruppen oder auch von Einzelnen gepflegt werden. Manche Beete sind winzig, andere hingegen sind nahezu schon ganze Haziendas. Denn einige Gärtner haben über die Jahre die Beete der Nachbarn, die andauernd verreist sind, mit in Pflege genommen. Andere wohnen sehr nah und finden auf ihren Wegen immer wieder verstoßene oder sonstwie heimatlose Pflanzen… Und so buchten sich ihre Beete in alle Richtungen aus. Wachsen wie ein Feigenkaktus, mal hier mal da in die schmalen Wege hinein, die so nicht überall mehr die geforderte Schubkarrenbreite aufweisen. — Gemeinschaftsbeete gibt es aber auch. Zum Beispiel sind die meisten Randbeete mit ihren bienenfreundlichen Schlehen, Sanddorn- oder anderen Beerenbüschen oder Apfelbäumchen Gemeinschaftsbeete. Auch der sogenannte Getreidekringel – ein Beet, das im ersten Allmende-Jahr von befreundeten Projekten als Kornkreis angelegt wurde. Nachdem die Krähen heraus hatten, dass hier für sie gesät worden war, war es aus mit den hochwogenden Roggenhalmen. So versuchen einige wackere Allmende-Gärtnerinnen seit Jahren ein Staudenbeet daraus zu machen, um ein lauschiges Plätzchen zu schaffen, in dem sich Gärtnerinnen und Besucher auch mal mit ihrem Buch verstecken können oder pfiffige Überlebens-Künstlerinnen etwa wieder Massagestunden anbieten können. Nachdem im Winter die Rosen- und Holunderbabies aus diesem Common mal wieder lange Beine bekommen hatten und ein Teil der Wildaussaat von einem tapferen Mitgärtner mit Erde zugedeckt worden war, versuchten es einige Nimmermüde kürzlich wieder das runde Hügelbeet zu festigen, zu besäen und als Kräuter- und Staudenbeet zu bepflanzen. Während unter dem Zeltdach die Jugend der Welt fröhlich musizierte, kamen zum ersten Arbeitseinsatz fünf. Das Durchschnittsalter war 77. Kein Kunststück – dank Gärtnerin Hildegard, die mit 87 immer noch mitackert. Dieses Wochenende gibt es ein kleines Porträt von der vielleicht „dienstältesten“ Gärtnerin des in der taz – der tageszeitung.

Hildegard im Allmende-Kontor

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Gerda Münnich (1939 – 2017)

Die Berliner Gartenaktivistin Gerda Münnich starb am 12. April 2017 im 78. Lebensjahr. Geboren wurde sie am 4. Oktober 1939 im Spreewald. Im Bild sieht man sie auf einer Sitzung der AG Kleinstlandwirtschaft im ersten Interkulturellen Garten auf dem noch wilden Gleisdreieck 2006 ganz rechts. Sie gehörte zu den bekanntesten Gemeinschaftsgarten-Gründerinnen Berlins. Gerade bereitete sie mit großem Einsatz ihre berühmte Garten-Bustour zum nächsten „Langen Tag der Stadtnatur“ vor, wo es diesmal ganz besonders um das Tempelhofer Feld mit der Kleingartenkolonien Tempelhofer sowie Neuköllner Berg sowie gefährdete Gärten und Bürgergrüns in Neukölln und Marzahn gehen sollte. Im letzten Jahr beriet Gerda Münnich als Vertreterin der Berliner Gartenszene das „Klimagärten“-Projekt an der Humboldt-Universität, wo sie zugleich im Projekt-Beirat war. Für das „Allmende-Kontor“ hat sie unendlich viele Schüler-Gruppen und Studierende empfangen und ihnen den Garten und sein Anliegen erklärt.

Ein Nachruf erschien am 21.4. in der taz – die tageszeitung: Gerda Münnich taz

weitere siehe http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/report/brri0065.html

und hier: http://www.tempelhoferfeld.info/

Wandelwoche im Allmende-Kontor

wandelwocheauftaktWandelwoche im Allmende-Kontor: Ein wunderschönes Wandelwochen-Auftakt-Fest, mit Debatte zu Frage der Wiederkehr der Allmenden, ein Permakultur-Workshop mit Swantje vom Gleisbeet und Caterina, Martina und noch einer vom Allmende-Kontor resp. der Kompostgruppe. Zum Schluß bepflanzten die Workshopteilnehmerinnen das in Peter-Lenné-Gemeinschaftsbeet zwischen die gut angekommenen Erdbeeren vom letzten Jahr Kohlstauden-Setzlinge, die der Biohof „herb´s“ aus Dötlingen (im Oldenburger Land) gespendet hatte.

Während des tief in den Abend währenden Auftaktfests waren besonders die Gäste aus München und Stuttgart  entzückt von Blumen- und Gemüsefülle zu Wildwuchs und fantasievoller Anlage des Gartens.

Auch Filippos Polatsidis von „den Gärtnern“, einem Solidaritätsgarten von Arbeitslosen für Arbeitslose in Thessaloniki in wandelwocheimallmendekontorGriechenland war beeindruckt vom Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor, dem neuen Windrad und der Fahrrad-Reparaturinitiative auf dem Tempelhofer Feld… Auch eine öffentliche Debatte einiger Parlamentarierinnen, organisiert vom in Berlin neu gegründeten „Ernährungsrat“, mehr unter www.ernaehrungsratschlag.de, war Teil der Wandelwoche. Die Wandelwoche läuft noch eine ganze Woche in Berlin und Brandenburg mehr hier: bbb.wandelwoche.org

PS.: Und auch im Bundesumweltministerium ist der Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor angekommen: auf der neuesten Postkarte zum 30-jährigen Bestehen des BUMB wirbt man mit einer Ansicht des Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld… Zum „Geburtstags-Fest“ im TU-Campus am Gasometer in Berlin-Schöneberg war das „Urban Gardening“ – wie man so sagt – „prominent“ vertreten und auch nicht nur in Form von Postkarten und Pflanzenbegrünten Palettenbänken, sondern auch im Rahmen eines Workshops zum „Urban Gardening im Quartier“.

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Ein Gartentag im Allmende-Kontor

(c) Elisabeth Meyer-Renschhausen

Eine frische Briese fegt über das Tempelhofer Feld und macht die Hitze sehr viel erträglicher als anderswo in der Stadt. Aber auch hier ist es heiß und die Kinder haben offenbar mit dem Wasser gespielt, nachdem welche von der „Südstadt“ unseres Gemeinschaftsgartens Allmende-Kontor alle Schläuche aneinander geschraubt hatten, so dass auch die südlichen Randbeete per Schlauch begießbar sind. Ich übernehme und gieße mit Hilfe eines begeisterten kleinen Kindes namens Edu die Gemeinschaftsbeete wie den ehemaligen Getreidekringel. Als das Kind keine Lust mehr hat, hilft mir die alte Hildegard die restlichen Gemeinschaftsbeete wie das Peter-Lenne-Beet und die Obst-Bäume zu gießen. Hildegard, 86, ist neuerdings über Khatol, der sie beim Bewirtschaften ihres Beets hilft, in unserem Garten aktiv. Was mich freut: sie kommt vom Lande, von einer LPG und kennt sich aus. Danach fülle ich die blauen Tonnen auf, die natürlich wieder leer sind. Und schließlich rolle ich mit Hilfe von Hildegard alle die vielen Schläuche wieder ein und verschließe das Feuerwehrbesteck in seinem Kasten. Die jungen Männer, die auf der Bankgarnitur vor dem Bienenbeet sitzen, helfen mir bereitwillig den Schlauch über die Beete zu hieven, sie freuen sich eigentlich sogar, mir kurz helfen zu können. Anschließend werden wir von der türkischen Frauengruppe eingeladen, die sich im Schatten der Weide im amerikanischen „Kibbuz“ niedergelassen haben, mit ihnen zu picknicken. Ich genieße die wunderbar schlichte türkische Rohkostkultur. Wir sitzen da sehr schön und friedlich, aber nicht alle Frauen können deutsch. Es kommt kein gemeinsames Gespräch auf. Ich erkläre meiner Nachbarin, einer jungen Mutter, die öfter hier ist, welche Beete sie zu gießen helfen könnte. Erst den Samstag darauf, als wir uns wieder treffen, beginnt Sina zu erzählen, wer von ihnen kurdisch sei. Sie wünscht sich, dass wir wieder mehr Feste machen.

Zurück zum Sommertag im Juli: später pflanze ich meine Biokräuter, gieße mit Humofix angereichertem Wasser und mulche mit meinem mitgebrachten Rasenschnitt. Obwohl sie heute sehr trocken sind, sehen unsere drei Beete ganz gut aus: Topinambur, Bohnen und Kürbisse wachsen in ihren jeweiligen Kisten tapfer vor sich hin. Die rot blühenden Feuerbohnen bringen im Verein mit den orangenen Calendula Farbtupfer hinein. Die vielen Brennnesseln rings um die Beete verhindern allerdings erfolgreich, dass ich weder Petunie noch vorgekeimte Kartoffeln im Topinambur-Container verbuddeln kann… Als ich nach Sonnenuntergang davon radele, sitzen an den verschieden Tischen oder auch auf dem Rasen zwischen den Allmende-Kontors-Beeten um die acht große Picknickgruppen, die sich englisch, italienisch, türkisch, kurdisch oder deutsch unterhalten. Im uneingezäunten Park auf dem Gleisdreieck, den ich später durchquere, der inmitten der Stadt keine Schließzeiten kennt, sitzen im Dunklen bestimmt 15 Jugendgruppen…

Die Hauptstadtgärtner von Tempelhof

Meyer-RenschhausenAm 8. Juli 2016 wurde auf Initaitive einer örtlichen Naturschützerin in der Kiez-Buchhandlung Menger am Tempelhofer Damm in Berlin-Tempelhof das Buch „Die Hauptstadtgärtner“ erneut vorgestellt. Und zwar diesmal nahe des „Orts des Geschehens“, dem Tempelhofer Feld. Anschließend wurde es mit Renate Künast, der ehemaligen Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und langjährigen Abgeordneten im Deutschen Bundestag diskutiert. Die Juristin Künast ist nämlich zudem leidenschaftliche Gärtnerin und hat gerade die Schirmherschaft über einen Flüchtlingsgarten übernommen. Als eine Voraussetzung einer neuen urbanen Agrarkultur interessierte das Publikum besonders die Frage des Umgangs mit den Commons, also den „Gemeinheiten“ und Allmenden – zumal angesichts des Flüchtlingsdramas. Wissen wollten die Zuhörer aber auch, wie man sich „fair“ so ernährt, dass man durch sein Einkauf- und Kochverhalten weder Klima, Böden oder die Bauern schädigt und möglichst auch keine Kleinbäuerinnen im globalen Süden. Renate Künast lobte, dass im Buch nicht nur erklärt wird, wie man  etwa Tomaten in Kisten pflegt, und  von wo aus die Pflanzen jeweils eingewandert sind, sondern dass auch die ernährungsphysiologischen Seiten der einzelnen Gemüse angesprochen sind. So wäre es möglich, nicht nur die Kräuter, sondern auch alle Gartengemüse (altmodisch gesprochen:) „diätetisch“, also „therapeutisch“ einsetzen. Das anregende Gespräch in der gemütlichen Buchhandlung führte schließlich zu diversen Buchkäufen…