Corona: lokal statt krankhaft global

Der Corona-Stillstand zeigt uns einmal wieder: unsere Lebensmittelversorgung muss zurück zu einer vornehmlich regionalen Versorgung. Die Lebensmittel einmal um den Globus zu schiffen oder gar zu fliegen, das kann in Krisen zu problematischen Engpässen führen. Nur eine schwerpunktmäßig regionale Lebensmittelversorgung sichert vor  kommenden Krisen einigermaßen ab, egal ob sie nun Corona-, Finanzmarkt-, oder Klimabedingt sind. Die Coronakrise zeigt zudem, dass es sehr wohl möglich ist, von heute auf morgen das ganze System anzuhalten und zu ändern. Dass wir so auch gegen den Klimawandel angehen können. Der Wandel muss aus dem urbanen Raum kommen, denn dem Land hat man das Mitspracherecht weitgehend genommen. Wenn in den Großstädten die Politik etwa via der öffentlichen Versorger auf eine nachhaltige Verköstigung umstellte, wäre das eine ernsthaft so zu nennende Politik der Nachhaltigkeit. Wenn also beispielsweise in einer Millionenstadt wie Berlin in allen Krankenhäusern, Schulen, Kindergärten sowie den Amts- und Parlaments-Kantinen vorrangig regionale Speisen angeboten würden, wären wir einen guten Schritt weiter hinsichtlich Angang des Klimawandels. Hunderte von Arbeitsplätzen in der Region wären gesichert und statt zuckersüchtig zu werden, würden die Kinder die natürlichen Aromen frischer Lebensmittel zu schätzen lernen. Die Kranken würden leichter gesunden und in den Ämtern und Parlamenten würde womöglich mit mehr klarem Geist und Mut regiert. Tatsächlich setzen sich seit einigen Jahren weltweit in immer mehr Großstädten Ernährungsräte dafür ein, Klimaverträglichere Kantinenangebote und Verzehrgewohnheiten zu fordern und fördern.

Es begann in den USA, wo in einigen Großstädten Aktivisten in „Food Councils“ sich seit den 1980er Jahren sich dafür einsetzen, gesundes Essen auch für arme Kinder und ihre Familien zugänglich zu machen. Von Schadstoffen unbelastetes Essen in die Schulkantinen, das heißt die Öko-Gärtner und Bauernhöfe der Umgebung zu fördern und ihnen mittels Bauernmärkten, Abnahmegarantieren und festen Preisen das Leben zu ermöglichen. Wichtig war neben der Wiedereinrichtung von Gemüsemärkten vor allem das Gründen von lokalen CSAs, Community Supported Agriculture Gruppen bzw. solidarischer Landwirtschaft. Das ist im Interesse aller, denn kurze Wege sind die Voraussetzung für frische Lebensmittel. Und das steht auch nicht im Gegensatz zu „bio“ – ganz im Gegenteil: eine nachhaltige, klimaverträgliche Landwirtschaft ist kleinräumig, weil naturfreundlich. Umweltbewusste Farmer kultivieren alte Sorten, weil diese regional angepasst sind. Sie ackern auf kleinen, durch Bäume und Sträucher eingefassten Feldern, weil das ein Mikroklima schafft, das gute Ernten garantiert.

Im Bändchen mit Ratschlägen aus der Ernährungsbewegung: „Genial lokal“, sind es vor allem die Beispiele aus aller Welt, die inspirierend wirken. Kopenhagen etwa beschloss im Jahr 2000 zu einer „Ökometropole“ zu werden und ist damit erfolgreich. Bereits jetzt stammen in etwa ein Fünftel aller in Dänemarks Hauptstadt verspeisten Lebensmittel aus ökologischem Anbau, vorzugsweise aus der Region. Kindergarten-, Schul- und Unikantinen gingen mit gutem Beispiel voran. Es zeigte sich, dass wenn Kantinen vermehrt Lebensmittel der Saison zubereiten, das Angebot an Fleischgerichten etwas reduzieren und vor allem auch versuchen, das Wegschmeißen zu vermeiden, klimaverträgliche Gerichte nicht teurer zu sein brauchen, als konventionelle aus Fertig-Menüs bzw. Ferngereistem aus aller Welt. Eine finanzielle Förderung durch die Kopenhagener Politik machte diesen Wandel möglich.

In den USA konnten die Food Councils wie etwa in Cleveland, Ohio für den Ernährungswandel sogar Flächennutzungspläne ändern und so vermehrt Urban Agriculture und Community Gardens in die Städte bringen. So wurde eine neue Ernährungskultur für Kinder, Jugendliche und Erwerbslose mit allen Sinnen erfahrbar. In Nordamerika entstand die neue Ernährungsbewegung deshalb zuerst, weil hier gleich nach Ende des II. Weltkriegs die Kriegsindustrie in den Agrar- und Logistiksektor umgemünzt wurde: Die Produktion von Panzern wurde auf die von Treckern umgestellt, aus den Giften für den Feind wurden Agrargifte. Ernährungsbedingte Krankheiten wie Allergien, Diabetes, Fettsucht, Herzkrankheiten etc. nahmen und nehmen unten der Armen rasend schnell zu und belasten die öffentlichen Haushalte. Da die Bundesregierungen wie die in Washington in der Zange von Industrie und Banken stecken, mussten die Kommunen selbst aktiv werden, erklärt Wayne Roberts, der jahrelang den Food Council von Toronto in Kanada leitete. Er machte den Kommunen klar, dass die Lebensmittelversorgung heute die meisten Arbeitsplätze bereit hält, es also in ihrem Sinne ist, sich hier zu kümmern…

Seit 2016 entstehen derartige „Ernährungsräte“ auch hierzulande: in Köln und Berlin und überall: von Aachen über Südtirol bis Zürich in zunehmend ganz Europa. Da, wo die Städte wie etwa Köln mit einer ersten Stelle für die Koordination den ehrenamtlichen Bürgerräten die Arbeit erleichtern, werden erste Erfolge bereits greifbar…

Valentin Thurn, Gundula Oertel, Christine Pohl, Genial Lokal – so kommt die Ernährungswende in Bewegung, Oekom Verlag München 2018, 283 S., 20,- €.

 

Klimastreik für Klimagerechtigkeit

„Smash Patriachy not the Climate“, „Auch wir Alten wollen die Welt erhalten“, „Verkehrswende jetzt – Esel für alle“, „Fischers Fritze Frisst Plastik“, „Ändert die Wirtschaft nicht das Klima“, „Die Erde ist stinksauer!“ Auf dem Berliner Klimastreik mit über 80.000 Menschen fehlte es nicht an phantasievollen Transparenten aller Art, 90 % davon von Schülerinnen und Schülern selbst ausgedacht und gemalt. Eine weltweite beeindruckende Demonstration, die zeigt, dass die Mehrheit – zumal die weibliche – anders denkt, als die gewählten Politiker meinen. Jene Politiker, die aus Angst vor der nächsten Wirtschaftskrise gegenüber den Konzern- und Finanzinteressen ständig kuschen. Und damit das Klima stören, indem sie so die arbeitsintensive biologische Klein-Landwirtschaft, das lokale Handwerk, die kleinen Betriebe besonders auf dem Lande – die in Wirklichkeit die meisten Arbeitsplätze stellen – systematisch benachteiligen. Mit anderen Worten: Perspektiven, Handlungsmöglichkeiten, Gesundheit und das generelle Wohlergehen ihres Wahlvolks riskieren. Besonders jenes der Menschen im Globalen Süden, die direkt oder indirekt so zu Klimaflüchtlingen werden. Jedoch werden alle, betonten die Ärzte auf der Kundgebung vor dem Brandenburger Tor, in Folge des Klimawandels vermehrt krank. Denn Gier, Wachstumsglaube und in Folge vermehrter Klimawandel setzt nicht nur die Erde in Brand, er bringt neben Umwelt und Tieren auch die Menschen körperlich wie seelisch aus dem Lot. Heute arbeiten hierzulande bereits mehr Menschen im Gesundheitswesen als in der Großindustrie…