Vom Speisen und sich verköstigen

Wie jedes andere Tierlein auch, muss der Mensch sich verköstigen, um sich am Leben erhalten zu können. Obschon auch manche Vierbeiner sich die Beute teilen und gemeinsam fressen, hat nur der Mensch eine ganze Kultur des Speisens hervorgebracht. Sie reicht von den regionalen Küchen und familiären Mittagstischen bis hin zu den repräsentativen Schauessen von Fürsten und anderen Regierenden. Mit den modernen Techniken wie etwa feineren Mahlverfahren wurden Luxusspeisen für alle zugänglich und – problematisch. Heute, da unsere vorzüglichen Sozialversicherungssysteme und Arbeitsverfassungen uns zu Monaden gemacht haben, hat das weitere Auswirkungen auf unsere Art des Essens. Eine immer größere und zentralistisch agierende Nahrungsmittelindustrie speist uns auf Schritt und Tritt und jedem Bahnhof mit teuren und zugleich billigen Lebensmitteln ab. Die take-away Brötchen sehen zwar wunderbar aus und duften oft himmlisch, sind aber in Massenfertigung aus Bestandteilen erstellt, die zunehmend als weniger der Gesundheit förderlich gelten. Vor allem aber sind sie, abgesehen von den Erzeugnissen der Biolandwirtschaft oder der Kleinbäuerinnen des globalen Südens, mittels einer ganze Landschaften und Umwelten zerstörenden Produktionsform hergestellt. Eine solche durch Bankeninteressen gepuschte industrielle Landwirtschaft verödet das Land, verschwendet Trinkwasser und verunreinigt zunehmend auch das Grundwasser. Über rücksichtslose Urwaldabholzungen bringt der Banken-Nahrungskomplex unser Klima weltweit ins Wanken.

Die ersten Opfer der zunehmenden Dürren sind die Landbewohner. Das gilt für die Hirten und Bäuerinnen am Horn von Afrika und dem Südamerikas, in der Sahelzone sowie jene anderer Halbwüsten. Das Problem der Welternährung lässt sich ganz offenbar durch Großlandwirtschaft nicht lösen. Das wissen eigentlich alle. Als ich einmal im Süden Äthiopiens einen Vortrag über den neuen Gemüseanbau in städtischen Gemeinschaftsgärten hielt, bestand meine Zuhörerschaft aus schlanken Kleinbauern mit sonnenzerfurchten Gesichtern. Sie waren hellauf begeistert. Sie verstanden das neue „urbane Ackern“ im globalen Norden als demonstrative Unterstützung ihrer Lebensform. Tatsächlich nimmt heute überall auf der Welt das Bedürfnis zu, fair und Umwelt-bewusst einzukaufen, wie übrigens in gewisserweise vor dem I. Weltkrieg schon einmal. Das Verblüffende ist: Zusammen mit den Kleinbäuerinnen des globalen Südens bilden die Biobauern (und Biokäuferinnen) wohl noch immer die „bessere“ Hälfte: Weltweit leben um die 50% der Menschheit als Subsistenzbauern, die neben ihren Familien auch ihre lokalen Märkte versorgen. Die Arbeitslosen in den Megastädten helfen sich heute wie ehedem ebenfalls durch Gemüseanbau. Dass den Menschen des Südens das Recht auf Selbsthilfe und Ernährungssouveränität nicht verwehrt wird, ist Aufgabe der Politik. Sie muss sich neben Klima- und Umweltgerechtigkeit nach über 100 Jahren erneut zentral mit der „Bodenfrage“ befassen, die mal am Anfang der Soziologie stand. Es ist die Erde, die unsere Lebensmittel hervorbringt: Ein unendlich komplexes System, das die Wissenschaften erst zu Teilen verstanden haben.

Bücher

Der Streit um den heißen Brei – Zu Ökologie und Geschlecht einer Kulturanthropologie der Ernährung
Herbolzheim: Centaurus 2002

Welternährung durch Ökolandbau? Die Agrarwende nimmt Formen an
herausgegeben zusammen mit Julia Kemna, Renate Müller, Hrsg., Berlin: Humboldt-Universität 2002

Aufsätze und Publikationen

Von der schwarzen zur weißen Küche
in: Mahlzeitenpolitik – Zur Kulturökologie von Ernährung und Gender, hrsg. von Parto Teherani-Krönner und Brigitte Hamburger, München: Oekom Verlag 2014, 117-137

Das Ende der Tafelrunde
in: Andreas Heistinger, Daniela Ingruber (Hrsg.), Esskultur – Gutes Essen in Zeiten mobiler Zutaten, Wien: Mandelbaum 2010, 24-45

Mit Gentechnik zum Saatgutmonopol. Ein kanadischer Farmer warnt vor Monsanto
in: Der Rabe Ralf – Die Berliner Umweltzeitung, April/Mai 2008

Ernährungswende von unten – Kochen und Gärtnern als politische Opposition, ein Bericht aus den USA
in: Der kritische Agrarbericht 2007, Hamm/Westfalen: AbL-Verlag 2006, 272-275

Welternährung zwischen bäuerlicher Hauswirtschaft und Exportlandwirtschaft. Zur Bedeutung der Eigenarbeit für die Ernährungssicherheit
in: gender…politik…online, Freie Universität Berlin, Oktober 2006

Von der schwarzen zur weißen Küche: zur Frage des Verschwindens häuslicher Kochkunst
in: Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.), Die Natur der Gesellschaft: Verhandlungen des 33. Kongresses der DeutschenGesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Frankfurt am Main: Campus Verlag 2008 (Teilbd. 1 u. 2) S. 5965-5975

Kommunale Bodenvorratshaltung statt Abwicklung der Bodenreform in Ostdeutschland
in: Zeitschrift für Sozialökonomie, Nr.148, April 2006, S. 20-24

Gänse im Garten – Zur sozialen Bedeutung von Kleinstlandwirtschaft und Nutzgärten am Beispiel Gartz an der Oder
in: Der Kritische Agrarbericht – Landwirtschaft 2002, hrsg. vom Agrarbündnis e.V. und der AG Land- und Regionalplanung am FB Stadt- und Regionalplanung an der Universität GHS Kassel, Kassel/Rheda-Wiedenbrück/Hamm, 2002, 166-172

Dietetics, Health Reform and Social Order: Vegetarianism as a Moral Physiology at the Turn of the Nineteenth Century. The Example of Maximilian Bircher-Benner (1867-1939)
mit Albert Wirz
in: Medical History, 43.1999, 323-341

Erwerbslosigkeit, zerfallende Dorfgemeinschaften und die Rolle der Subsistenzwirtschaft
in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie, 46. Jg. 1998 H 1, 60-76, 3-9

Übersicht aller Publikationen